Die Kunst des Heilens

§ 234

Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüths-Krankheiten, welche nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüthe aus, Anfang und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Aergerniß, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck. Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand, in hohem Grade.

Genauso gibt es bestimmte mentale Krankheiten, die nicht zu den Krankheiten der körperlichen Konstitution gehören ebenso wie bestimmte Krankheiten des Körpers, die keine Verbindung zu mentalen Krankheiten haben. Wenn der Körper überanstrengt wird, entsteht vorübergehend ein Zustand von „Krank-Gesund“. In jenen Menschen kann die Gesundheit nicht wieder hergestellt werden, wenn sie in länger anhaltendem Kummer, ständig in teilweise intensiven Ängsten und Depressionen leben und gern Kritik an anderen üben. Außerdem werden konstante mentale Ursachen die körperliche Gesundheit ernsthaft verschlechtern.

Erklärung

Manchmal kann die körperliche Gesundheit von Menschen, die weder intern noch extern Psora und ansonsten eine gute Gesundheit haben, wegen sehr starker Anstrengungen auch vorübergehend angegriffen werden. Wenn es Gründe gibt, die den Geist beeinflussen oder sehr anstrengen, wird die Gesundheit dieser Menschen angegriffen, auch wenn sie keine Psora haben. Nur weil keine Psora vorhanden ist, sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass gesunde Menschen nicht beeinträchtigt werden, auch wenn sie sich noch so schlecht verhalten.

 

§ 235

Bloß diese, durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen Gemüths-Krankheiten, lassen sich, so lange sie noch neu sind und den Körper-Zustand noch nicht allzusehr zerrüttet haben, durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gütliches Zureden, Vernunftgründe, oft aber auch durch eine wohlverdeckte Täuschung, schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener Lebensordnung, auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln.

Solche vorübergehenden geistigen Beeinträchtigungen bei gesunden Menschen können durch das Schaffen einer gesunden Atmosphäre ohne weitere Behandlung berichtigt werden. Einige Krankheiten können durch nicht bedachte Ermutigung und unvorhersehbares Selbstvertrauen usw. geheilt werden. In ähnlicher Weise können einige durch das Zeigen freundlicher Liebe oder durch verständliche Ratschläge geheilt werden. Manchmal werden solche Krankheiten auch durch geschickte Täuschung mit guter Absicht geheilt.

Erklärung

Täuschung ist auch eine der notwendigen Methoden, die manchmal erforderlich sind, um der Person, die an geistigen Krankheiten leidet, zu einer Besserung zu verhelfen. Wenn ein Mädchen aufgrund verspäteter Heirat entmutigt ist und immer melancholischer wird, kann ein Freund sie mit nach Bombay oder Paris nehmen und sie davon überzeugen, dass es dort eine gute Partie gibt. Durch die Veränderung der Atmosphäre kann die Schwere im Geist verringert werden. Wenn sie versuchsweise von Ort zu Ort mitgenommen wird, kann sich die mentale Verfassung verbessern. Er kann einen weiteren Freund mitnehmen und ihn darum bitten zu sagen, dass er sie heiraten würde, wenn sie in Paris Tanzstunden nimmt. Dann wird sie an einer Tanzschule angenommen werden. Während sie die Tanzkunst innerhalb von zwei oder drei Jahren erlernt, verändern sich ihre mentale Verfassung und ihre Haltung zum Leben und bringen ihr vollständige Genesung.

 

§ 236

Aber auch bei diesen liegt ein Psora-Miasm zum Grunde, was nur seiner völligen Entwickelung noch nicht ganz nahe war, und es ist der Sicherheit gemäß, damit der Genesene nicht wieder, wie nur gar zu leicht, in eine ähnliche Geistes-Krankheit verfalle, ihn einer gründlichen, antipsorischen (auch wohl antisyphilitischen) Cur zu unterwerfen.

Auch wir sollten nicht sagen, dass in diesen Patienten keine Psora ist. Psora wird vorhanden sein, aber nicht ausbrechen. Es muss darauf geachtet werden, dass Psora nicht ausbricht. Wenn diese Patienten mit „Anti-Psora-Mitteln“ behandelt werden, dann werden nach der Heilung keine solchen geistigen Erkrankungen mehr auftreten.