Sonne

Die Sonne steht für den Willen, ganz wir selbst zu sein. Unsere wahre Natur will sich zum Ausdruck bringen und strahlen. Strahlkraft ist nichts anderes, als aus sich schöpfen und von sich zu geben, was man wirklich ist. Die Sonne gibt alles und hält nichts zurück. Unverhüllte Nacktheit und pures Sein entsprechen ihrem Wesen. Ihr Licht macht alles sichtbar.

Was immer an uns unsichtbar bleibt, was wir zurückhalten oder beschränken, mindert unsere Strahlkraft. Je mehr wir geben und je weniger wir dafür erwarten, desto stärker ist unsere Strahlkraft entwickelt. Die zwei großen Lichter am Himmel unterscheiden sich grundlegend. Die Sonne gibt und der Mond nimmt. Wer nur bekommen will oder gibt, um zu bekommen, lebt den Mond. Wer nur bestimmten Menschen gibt, lebt ebenfalls den Mond. Er folgt seiner persönlichen Neigung. Allem, dem er abgeneigt ist, enthält er seine Kraft vor. Dadurch blockiert er einen wesentlichen Teil von sich selbst. Abneigung kennt nur unser kleines Ich, das auf die Eigenart anderer selbst eigenartig reagiert.

Unsere sonnenhafte Natur ist anders gebaut. Die Sonne am Himmel scheint bedingungslos für alle. Nicht umsonst ist Pasiphae, “die für alle scheint”, die Tochter des Sonnengottes Helios. Die Sonne kümmert es nicht, wer ihre Energie empfängt. Sie gibt einfach. Alles, was wir brauchen, kommt von der Sonne. Dadurch ist sie der vollkommene Ausdruck der Liebe. Liebe bedeutet, anderen zu geben, was sie brauchen. Falsch verstanden hieße dies, solange zu geben, bis wir ausgepresst sind wie eine Zitrone. Das ist keine Liebe, sondern vergeudete Liebesmüh.

Was einer braucht, ist oft nicht das, was er will. Wer zu uns kommt, weil er überfordert ist, und will, dass wir ihm alles abnehmen, würde sich von uns abhängig machen. Was er wirklich braucht, ist ein Weg, es selbst zu schaffen. Wenn wir ihm einen solchen Weg zeigen und ihn dabei ab und an unterstützen, genügt das. Tun muss er es im Großen und Ganzen selbst. Will er das nicht, ist auch für uns nichts weiter zu tun. Liebe führt stets in die Unabhängigkeit und Freiheit. Alles andere ist keine Liebe. In diesem Sinn dient auch die Liebe der Eltern vor allem dazu, dass ihre Kinder selbständig werden und später Liebe weitergeben können.

Voraussetzung für die Liebe ist, sich selbst zu lieben. Wenn ich mich nicht mag oder glaube, dass ich nichts wert bin, kann ich nur hoffen, dass mich andere irgendwann wertschätzen. Sei es aufgrund meiner Leistungen oder weil ich zum Beispiel viel für sie tue. Doch so bin ich abhängig vom Urteil anderer. Sich selbst zu lieben bedeutet, sein Entwicklungspotenzial voll auszuschöpfen und nichts unversucht zu lassen, um die eigenen Gaben und Talente zu entwickeln und zum Vorschein zu bringen.

Unsere unentwickelten Talente und Gaben befinden sich gut behütet in der Unterwelt in Plutos Reich. Pluto ist der Unsichtbarmachende, Helios der Sichtbarmachende. Sonne und Pluto gehören zusammen wie Licht und Schatten. Der Sonnengott Helios hatte Perse, die Zerstörerin, zur Frau. Namentlich ist sie mit der Unterweltkönigin Persephone verbunden. Perse steht für den Unterweltanteil des Helios. Sie trug auch den Beinamen Neaira, die Neue. Ihre Absicht und damit auch die von Helios ist es, eines Tages das Neue, Nichtangeschaute und Unentwickelte hervorzubringen. Bei der Sonne geht es um zwei Aspekte: um die Zerstörung des hinderlichen Alten und um das Hervorbringen des Neuen, Ureigenen. Deshalb sind Lebendigkeit und Wandel ihre Begleiter. Pluto unterstützt diesen Wandlungsprozess und beseitigt alles, was uns im Weg steht, ganz wir selbst zu sein.

Alle Planeten, die die Sonne umkreisen, dienen dazu, ihr Wesen sichtbar zu machen. In derselben Weise dienen unsere Umgebung und alles, was wir anziehen, dazu, unser Wesen sichtbar zu machen. Jede Herausforderung ist eine Chance, zu zeigen, was in uns steckt – Stärken, Gaben und Talente, aber auch Fehler und Schwächen. Wer aufgrund von Kritik oder Misserfolg frustriert aufgibt und sich nicht weiterentwickeln will, verpasst eine Gelegenheit, ganz er selbst zu werden. Unsere Entwicklungsmöglichkeiten sind unbegrenzt. Wir haben jederzeit die Möglichkeit, alles Alte hinter uns zu lassen. Die Sonne schenkt uns täglich einen Neuanfang. Gerade jetzt und immer wieder jetzt können wir versuchen, es besser zu machen und mehr so zu sein, wie wir es wollen.

Einst teilten die Götter die Erde unter sich auf. Helios war nicht anwesend und so fiel ihm kein Besitz zu. Als die Götter ihr Missgeschick erkannten, wollten sie die Aufteilung rückgängig machen, doch Helios ließ dies nicht zu. Er sagte, er sähe vom Grund des Meeres bereits ein fruchtbares Stück emporwachsen. Nur das, was eben jetzt erscheint, sollte ihm gehören. Da erhob sich aus den salzigen Wassern die Insel Rhodos, die Rose des Herzens. Für die Sonne zählt nur der Augenblick, was jetzt sichtbar wird und dem Herzen unseres Wesens entspringt. Unser Herz zieht zur rechten Zeit das an, was uns fehlt – das Neue und Unbekannte. Lässt du dich hier und jetzt darauf ein, um voller Vertrauen alles zu geben, was du bist und was in dir steckt?

… wird fortgesetzt 

 

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