Gebot 6:

Diene den Yogîs

Der Begriff Yogî bedeutet ‚jemand, in dem Ein­heit ist‘. Er bezeichnet die individuelle Seele, die in ewiger Verbindung mit der Universal­seele lebt. Ein Yogî lebt als Seele in ewiger Ver­bun­den­heit mit der Universalseele und trennt sich nie von ihr. Das Bin Ich ist sein natürlicher Zu­stand. In der Terminologie von Jesus Christus heißt dies: „Ich und mein Vater sind eins.“ Es ist eine Situation, die als ‚Einer in Zweien‘ oder ‚Zwei in Einem‘ bezeichnet werden kann. Ein Yogî trennt sich nicht von der Universalseele. Er lebt in einem nicht-abgesonderten Zustand, einer natürlichen, ewigen Einheit. Der abgesonderte Status wird Viyoga ge­nannt, der nicht-abgesonderte Zustand heißt Yoga. Andere Begriffe, mit denen die Yogis be­zeich­net werden, sind Eingeweihter, Meister, Leh­rer, Heiliger, Swâmi oder Bâbâ. Diese Be­griffe weisen auf den verwirklichten Sta­tus eines Men­schen hin. 

Solchen Yogîs zu dienen hilft einem okkulten Schüler, die Berührung der Seele zu erhalten. Jene Eingeweihten kommen, um der Welt zu dienen. Sie erwarten nicht den Dienst von Menschen in ihrer Umgebung, denn sie sind Vorbilder des Gebens und nicht des Begehrens. Ihnen zu dienen ist eine Freude bringende Er­fahrung. Sie sind Menschen, die für andere da sind und nichts für sich selbst haben wollen, aber es ist nicht leicht, den Yogîs zu dienen, weil ihre Handlungen oft eigenwillig oder widersprüchlich erscheinen. Wer in festen Formen oder Vorstellungen denkt, wird immer wieder überrascht und verwirrt, wenn er einem Yogî dient. Oft ist es so, dass Leute, die zu ihm kommen, um ihm zu Diensten zu sein, ihn wieder verlassen, weil sie ihn nicht verstehen. Und noch viel öfter geschieht es, dass Personen, die einem Lehrer dienen, von Stolz erfüllt werden und sich durch ihren eigenen Stolz von ihm entfernen. Durch ihr nicht nachvollziehbares Verhalten stellen die Meister oder Lehrer Heraus­for­de­rungen für die Schüler der mentalen und intellektuellen Ebene dar. Gleichzeitig empfangen die Schüler die subtile Berührung der Seele, durch die sie vollkommen umgewandelt werden, um die Seelenberührung erhalten zu können. Die Persönlichkeit des dienenden Schülers würde den Lehrer gern verlassen, aber seine Seele möchte mit dem Lehrer in Verbindung bleiben. Deshalb schwankt der Schüler über lange Jahre hin und her. Er kann nicht bleiben, aber auch nicht weggehen. Dies ist die subtile Methode des Lehrers, durch die er in einem dienenden Schüler einen Kampfplatz aufbaut. Zwischen der Seele und ihrer Persönlichkeit findet ein Kampf statt. Der Lehrer wartet, um zu­zu­schauen und Führung zu geben, falls er darum gebeten wird. Das ist das Geheimnis von Krishna, der im Streitwagen von Arjuna bereitsteht. Nur wenn Arjuna ihn fragte, gab er ihm einen Rat. Ansonsten schwieg er.

Arjuna diente Krishna, dem Meister, und des­halb stand der Meister für Arjuna bereit. Ar­juna ist der Schüler. Er ist unser Repräsentant, der Repräsentant der Menschheit. Krishna ist der Lehrer, der Repräsentant der Hierarchie. Ar­juna ist die Persönlichkeit, und Krishna ist die Seele. Die Anwesenheit der Seele macht es der Per­sön­lich­keit möglich, sich auf die Seele auszurichten, aber das Bemühen um Ausrichtung bleibt bei der Persönlichkeit. Licht ist immer Licht. Wenn sich jemand auf das Licht ausrichtet, ist das für ihn hilfreich. Tut er es nicht, verliert das Licht dadurch nichts. Deshalb ist es Sache der Persönlichkeit, sich auf das Licht auszurichten und damit das entsprechende Licht zu erhalten.

 

Stolz und Vorurteil

Wer von Stolz erfüllt ist, kann dem Lehrer, dem Heiligen, nicht dienen. Stolz ist die schwierigste Schwelle, die der Mensch überschreiten muss. Der Stolz wird vom Vorurteil unterstützt. Wo Stolz ist, da sind auch Vorurteile leben­dig. Wer vorgefasste Meinungen hat, neigt zum Ur­tei­len. Aber solche Urteile sind von Gerechtig­keit und richtigen Wahrnehmungen weit entfernt. Wo Stolz herrscht, da nimmt man nicht mehr richtig wahr. Wenn man aufgrund falscher Wahrnehmungen urteilt, führen solche Beurteilungen in die Irre. Nur wenn die Seele über die Persönlichkeit herrscht, kann man richtig wahrnehmen. Aber die Seele kann sich nicht gegenüber der Persönlichkeit durchsetzen, wenn die Persönlichkeit von Stolz erfüllt ist. Genau das widerfuhr Arjuna und auch Herkules. Sehr oft passierte es zahlreichen Weltjüngern, wenn sie nicht auf ihre Lehrer ausgerichtet waren.

Dienst für den Lehrer schließt umfassende Dienstaktivität auf der physischen Ebene ein. Das Arya-Dharma sagt: „Dient den Lehrern auf der physischen Ebene und empfangt die subtile Weisheit, die sie durch ihr Schweigen, ihre subtilen Handlungen und beiläufigen Worte lehren.” Tiefgründige Lehre kommt in beiläufigen Worten zum Ausdruck, und die Schlüssel zur Weisheit werden in beiläufigen Bemerkungen gegeben. Strukturiertes Lehren ist nur ein allgemeines Unterrichten. Beiläufige und rätselhafte Aussagen entfalten unermessliche Weisheit.

 

Nähe zum Lehrer

Um einem Lehrer dienen zu können, ist es notwendig, in seiner Nähe zu sein. Diese Nähe bietet eine besondere Gelegenheit und stellt gleichzeitig ein Hindernis dar. Es ist so, als würden wir uns dicht neben einer lodernden Flamme aufhalten. Dies kann hilfreich sein, wenn wir aufmerksam sind. Aber es ist auch gefährlich, denn wir können uns verbrennen. Durch Šraddhâ ist ein Schüler imstande, die Nähe eines Lehrers zu erhalten. Wenn der Schüler beim Šraddhâ ins Strau­cheln kommt, lässt seine Aufmerksamkeit nach. Das ist genauso als würde er seine Finger in die Flamme halten.

Daher wird das Arbeiten mit einem Lehrer mit dem Gehen auf Messers Schneide verglichen. Schon ein leichtes Abflauen der Aufmerksamkeit kann eine schlimme Verletzung zur Folge haben. Die Schwere der Verletzung ist vor allem auf die gewaltige Geschwindigkeit zurückzuführen. Normalerweise erlebt der Schüler durch die Me­thode von Versuch und Irrtum langsame und schritt­weise Umwandlungen. Diese Methode er­streckt sich über lange Zeitzyklen, aber in der Nähe eines Lehrers finden alle Umwandlungen mit unvorstellbarer Geschwindigkeit statt. Es heißt, dass die Umwandlungen und alles, was man zu lernen hat, selbst bei intensivem Bemü­hen in zwölf Leben kaum zu bewältigen sind, doch in der Nähe eines Lehrers kann alles innerhalb von zwölf Jahren erreicht werden. Dieser Ge­­schwin­­dig­keit der Ereignisse wird der Schüler unter­worfen, so dass er raschere Fort­schritte macht. Damit der Schüler eine angenehme und sichere Reise hat, erfordert diese Methode von seiner Seite hochgradige Aufmerk­sam­keit. Daher kann man nicht viele Jahre in der Nähe eines Lehrers arbeiten, wenn man nicht äußerst aufmerksam ist.

Licht hat in seiner nächsten Umgebung auch Schatten. Eine Lampe strahlt viel Licht in die Umgebung aus, aber direkt unterhalb der Lampe befindet sich der Schatten. Oft passiert es, dass ein Schüler durch Illusion dem Stolz erliegt, in der Nähe des Lehrers zu sein. Dadurch entfernt er sich selbst von dem Licht, das durch den Lehrer strahlt, und er fällt in den Schatten. Im Kali-Zeitalter geschieht dies noch viel häufiger. Das Kali Yuga wird beschrieben als ‚Suche nach Licht im Schatten der Lampe‘. Wie kann man helfen, wenn jemand im Schatten nach Licht sucht? Gerade dort ist der einzige kleine Ort, an dem es kein Licht gibt. So sind Schüler, die in der Nähe des Lehrers arbeiten und darauf stolz sind, anfällig dafür, in den Schatten des Lichts zu fallen. Ihr Stolz zeigt sich in ihrem Besitz­an­­spruch auf den Lehrer, in dem Versuch, ihre Mit­schüler zu kontrollieren und in der falschen Aus­legung der Lehren des Lehrers. Sie klatschen und tratschen sogar über den Lehrer, den sie in Wirklichkeit nicht kennen.

Wer unermüdlich danach strebt, in der Ge­gen­wart des Lehrers zu sein, auch während er sich in seiner Nähe aufhält, kann sich glücklich schätzen. Denn es ist die Gegenwart, die lautlose Umwandlungen bewirkt. Solche Personen erleben tatsächlich die Berührung der Seele und die Bindungen ihrer Persönlichkeit lassen nach. Bedauernswert ist hingegen, wer die Nähe eines Lehrers gewinnt und die Gegenwart verliert. 

Wie schon oben erwähnt, ist die Persönlich­keit durch Negativ-Paare gebunden und zwar durch Stolz und Vorurteil, Ehrgeiz und Angst, Miss­­trauen und Besitzgier, Bequemlichkeit und Schlaf, Zorn und Gereiztheit, Unwissenheit und Illusion, Verlangen und Ablehnung. Diese Paare winden sich um die Persönlichkeiten und halten sie fest. Sie sind wie die Windungen einer Python, die einen Menschen an Händen und Füßen bindet. Er kann sich nicht selbst helfen, da seine Hände und Füße gebunden sind. Ihm kann nur von jemandem geholfen werden, der außerhalb dieser Bindungen lebt. Ein Lehrer ist nicht gebunden. Deshalb kann er helfen, die Bindungen zu lösen. Es ist die Absicht der Hierarchie, die Menschheit aus der Bindung ihrer verfestigten Persönlichkeit zu befreien.

Man muss sehr aufmerksam sein, um die Fein­heiten des Lehrers wahrzunehmen. Beson­dere Weisheit kann von allen erkannt werden, die diese Feinheiten wahrnehmen. Für sie bleibt der Weg voller Freude. Ihre Freude kommt nicht aus äußeren Ereignissen, sondern aus inneren Offenbarungen. Es heißt, der Dienst für einen Lehrer währt mindestens zwölf Jahre und längstens dreißig Jahre. 

Unter den Schülern, die dem Lehrer dienen, werden jene, die ihren Dienst in hervorragender Weise leisten, vom Lehrer in einen anderen Rang erhoben – in die ‚Sohnschaft‘. Es sind jene Schüler, durch die der Lehrer weiterhin arbeitet, während andere zu Jüngern (angenommenen As­pi­ran­ten) werden und die Arbeit mit seiner In­spi­ra­tion weiterführen.

Die Zeit, in der ein Schüler in der Nähe eines Lehrers bleibt, nennt man die Dauer des ‚Praktikums‘. In dieser Zeit lebt der Schüler innerhalb der Aura des Lehrers. Während dieses ‚Praktikums‘ muss sich der Schüler nach innen wenden und sich verinnerlichen, um die Aura zu erfahren. Für alle, die sich nach innen wen­den, kommt die Aura des Lehrers als ihr inne­res Licht zum Ausdruck. Dadurch bekommt der Schüler Führung von innen. Außen ist der Leh­rer scheinbar in der menschlichen Gestalt, und sein Licht ist normalerweise nicht zu sehen. Der Lehrer im Inneren hat nicht die Gestalt aus Fleisch und Blut, sondern er ist aus aurischem Licht. Das Erleben des Lehrers im Inneren ermöglicht dem Schüler, innere Kontemplationen durchzuführen.

 

Selbst-Verwirklichung ist das Ziel

Der Zweck des Zusammenseins mit dem Lehrer beginnt an diesem Punkt der Verinnerlichung. Selbst-Verwirklichung ist das Ziel. Bis wir lernen, nach innen zu gehen, können wir nicht viel Licht erhalten, und wir erreichen nicht das Licht des Lehrers. Der Lehrer sagt dies nicht ausdrücklich, aber die intelligenten Schüler müssen es erfassen und damit arbeiten. Diese Methode führt zur Innenschau und Vision. In diesem Stadium möchte man noch viel mehr nach innen gehen, statt sich mit Hilfe des Denkens in der Objektivität umher zu bewegen. Das subjektive Denken wird aktiv. 

Im Inneren kann sich das menschliche Denk­ver­mögen genauso gut bewegen. Der Mensch hat nur gelernt, mit Hilfe seines Verstan­des außen aktiv zu werden. Dahingehend hat er das Denken trainiert. Jetzt wendet er sich einem anderen Ver­stan­destraining zu, nämlich das Den­ken nach innen zu wenden und dort aktiv zu werden. Ein ok­kul­ter Schüler kann mit der­sel­ben Leichtigkeit in die Subjektivität wie in die Objektivität gehen. Das Denken ist subjektiv und objektiv. Es kann nach innen und nach außen gehen. Das Denk­ver­mö­gen ist ein Spie­gel, der entsprechend der vor­ge­ge­benen Rich­tung widerspiegelt. Der Spiegel kann nach Wes­ten (zur Objektivität) und nach Os­ten (zur Subjektivität) ausgerichtet werden.

 

Sei ein Beobachter

Der Lehrer tut dies mit Leichtigkeit, und die Schü­ler können mühelos folgen, da es ihnen vor­ge­führt wird. Wenn sie im Inneren bleiben und ihr Denken nach innen wenden, werden sie dahin geführt, dass sie beobachten, welche Ge­dan­ken und welche Gedankenmuster in ihnen vorherrschen. Die Person steht über den Ge­dan­ken­mustern. Durch die Technik der Ge­dan­ken­beobachtung wird es möglich, außerhalb der Ge­dan­kenmuster zu stehen. Dies muss über viele Jahre geübt werden. Unsere Gedanken lassen nicht zu, dass wir beobachten. Wir werden von unseren Gedanken entführt. Jedes Mal, wenn wir von einem Gedanken entführt wurden, müssen wir uns bemühen, erneut die Beob­ach­ter­haltung einzunehmen. 

Gedanken verursachen Energiebewegungen. Wenn wir die Fähigkeit erworben haben, unsere eigenen Gedanken zu beobachten, blei­ben wir außerhalb dieser Bewegungen. Nur durch unsere Mitwirkung können die Ge­dan­ken umherziehen, und nur durch unsere Mitwirkung gibt es die Pulsierungs- und Atmungs­be­we­gung. Wenn wir darauf ausgerichtet sind, unsere Ge­dan­ken zu beobachten, lässt die Ge­schwin­dig­keit, mit der Gedanken erzeugt werden, langsam nach. Gleichzeitig verringert sich auch die Geschwindigkeit der Atem­züge. Wenn sich die Be­we­gun­gen verringern, beginnt der übende Schü­ler zu spüren, wie angenehm es ist, im Inneren zu sein. In ihm setzt auch die Wahr­neh­mung ein, dass er eigentlich der Stabile, Unver­än­der­liche ist, der in das Veränderliche eintritt. Er erkennt, dass er im Inneren seines Wesens un­ver­än­der­lich und in den äußeren Schich­ten verän­derlich ist. So tritt er von Zeit zu Zeit in die Sub­jek­tivität und die damit verbundene Stabilität ein. In diesem stabilen Zustand erlebt er nur die sub­tile Pulsierung, die die Wahr­heit ‚Das Bin Ich‘ laut verkündet.

Auf diese Weise wird der Schüler jemand, der sich im Inneren aufhält und wohnt. Solche Innewohnenden erhalten mehr Aufmerksamkeit vom Lehrer. Sie empfangen mehr Licht und auch den magnetischen Einfluss, der es ihnen er­mög­licht, immer tiefer in sich selbst hineinzugehen. Die Schüler machen Erfahrungen, die bis dahin nicht wahrnehmbar und ungreifbar waren. Langsam begreifen sie, dass der Inne­woh­nende Zugang zur subtilen Welt hat, um dort Erfahrun­gen zu machen, die viel mehr Freude bereiten als alle Erfahrungen der grobstofflichen Welt, die man mit Hilfe des grobstofflichen Körpers macht, der aus dem äußeren Denken, den Sinnen und dem physischen Körper besteht. Dann wird der Körper als Hilfsmittel oder als Fahrzeug für die äußere Arbeit betrachtet. Während der Kon­tem­pla­tion und Meditation wird das äußere Fahr­zeug geparkt, und man benutzt das innere Fahr­zeug, um innere Erfahrungen zu machen. Im Feinstofflichen erlebt man mit Hilfe des feinstofflichen Fahrzeugs, im Grobstofflichen erlebt man alles durch den grobstofflichen Körper. Der feinstoffliche Körper ist eine Kopie des grob­stoff­li­chen Körpers und umgekehrt. In der Ge­gen­wart des Lehrers vollzieht sich diese Um­wand­lung schneller. Ebenso gibt er auf subtile Weise Unterricht und Ausbildung, um es dem Schüler zu ermöglichen, sogar seinen feinstofflichen Körper abzulegen, zu parken und in den Kausal­kör­per einzutreten. Später wird auch der Kausal­körper abgelegt, damit man einfach als Seele Erfahrungen machen kann. In diesem Sta­dium erlebt man nur Das. Das Bin Ich ist die Er­fah­rung der Seele. Aus diesem Grund wird die Seele als Fahrzeug des Geistes bezeichnet. Die Seele wiederum kann auf der Kausalebene mit Hilfe des Kausalkörpers, auf der feinstofflichen Ebene mit Hilfe des feinstofflichen Körpers und auf der grobstofflichen Ebene mit Hilfe des grobstofflichen Körpers arbeiten. Diese Möglich­kei­ten sind aufgrund der Gegenwart des Lehrers gegeben, denn durch seine Gegenwart führt er die ernsthaften Schüler, so dass sie diese Um­wand­lun­gen durchlaufen.

Somit hat die Seele drei verschiedene Körper in drei unterschiedlichen Abstufungen mit dem entsprechenden Glanz und Magnetismus. Ist die Seele erst einmal erkannt, hat sie die Möglich­keit, in einen der drei Körper einzutreten und ihn wieder zu verlassen. In geheimnisvoller Weise wird dies mit den Worten ausgedrückt: „Der Mensch muss dreimal sterben, ehe er sich selbst erkennt.” Wir sollten verstehen, dass der Tod ein Weggehen ist. Den Tod als solchen gibt es nicht. Dies ist die Schönheit der Umwandlung, die geschieht. Deshalb können wir uns nicht einfach auf die grobstoffliche Form begrenzen und an dem grobstofflichen Namen jener Form festhalten. In den verschiedenen Stadien des Seins haben wir verschiedene Namen. Die Namen sind Codeworte, durch die wir in unterschiedlichen Stadien arbeiten können. Obwohl dieses Wissen vermittelt wurde, halten die Schüler leider immer noch sehr stark an ihren Namen und Formen fest. Sie halten an ihren grobstofflichen Namen und Formen fest sowie an allem, was damit verbunden ist. In solchen Fällen wartet der Lehrer ab. Dem Lehrer zu dienen, ist das sechste Gebot. Der Dienst für den Lehrer hat die Selbstverwirklichung als Ziel. Wenn wir das Ziel verwirklichen, erkennen wir auch, was der Lehrer ist, und der Lehrer gibt so viel zu erkennen wie der Schüler sich um Offenbarung bemüht. Dieses sechste Gebot hat noch viele weitere Dimensionen. Eine Dimension wird hier vorgestellt.

 

Der Lehrer ist ein Medium des Göttlichen

Auch Lord Krishna empfiehlt eindringlich, dem Lehrer zu dienen, der die Schlüssel zum Handeln, zur Weisheit und zur Selbstverwirklichung hat. Die Lehrer sind Yogîs und Repräsentanten des Göttlichen. Das Göttliche sieht durch sie, spricht durch sie und gibt durch sie seine Berührung. In der Gegenwart eines Lehrers werden Aspiranten reichlich gefördert – genauso wie ein Eisenstück, das in der Gegenwart eines Magneten magnetisiert wird. Die göttliche Gegenwart fließt durch den Lehrer bzw. den Yogî und macht sich für die aufrichtigen Aspiranten zugänglich. Es ist die Absicht der Lehrer auf dem Planeten, für die aufrichtigen Sucher zugänglich zu sein. Die Leh­rer sehen einfach und gewöhnlich aus, aber sie sind außergewöhnlich. Sie sind Medien des Göttlichen. Zu ihnen gehören z. B. Jesus, Pytha­go­ras, Maitreya, CVV, Râmakrishna und eine ganze Reihe anderer. Diese Lehrer leben mitten unter den Menschen. Sie bleiben gewöhn­lich unter den gewöhnlichen Leuten, aber sie sind die Ungewöhnlichen. Stets bleibt ein Lehrer neu­tral und lässt das Göttliche durch sich in der Um­ge­bung arbeiten. Er hat kein besonderes, eige­nes Programm. Der Plan des Göttlichen ist das einzige Programm des Lehrers. Er beobachtet das Spiel des Göttlichen durch ihn in seinem Umfeld. So ist er Zeuge, wie das Göttliche manche Personen segnet. Mit anderen spricht es, wieder andere berührt es, manche lächelt es an, mit einigen ist es ernst, manchen begegnet es schweigend, und zu einigen ist es gesprächig. Das Göttliche tut unterschiedliche Dinge mit unter­schiedlichen Aspiranten, die sich um den Lehrer sammeln. Der Lehrer bleibt unpersönlich. Er weiß, dass das Göttliche am Werk ist und bleibt wachsam, um es dem Göttlichen zu ermöglichen, den Aspiranten in seiner Umgebung ihren gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechend zu antworten. Was die Aspiranten brauchen, un­ter­scheidet sich von dem, was sie sich wünschen. Sie wissen nicht, wie sie sich das wünschen können, was sie brauchen. Normalerweise empfinden sie ihre Wünsche als ihre Bedürfnisse. Das Göttliche erfüllt den Aspiranten keine Wün­sche, aber es erfüllt ihre Bedürfnisse, sofern die Aspiranten ausgerichtet sind.

Damit die Aspiranten zur richtigen Ausrich­tung finden, bekommen sie den Schlüssel, dem Lehrer auf allen Ebenen zu dienen, das heißt, ihm auf der physischen Ebene zu dienen, an seiner Arbeit mitzuwirken und ihm allgemein zur Verfügung zu stehen, um ihm jegliche Unter­stützung zu geben, die er auf seiner persönlichen Ebene möglicherweise braucht. Dienst für den sichtbaren Lehrer gefällt dem unsichtba­ren Göttlichen, und das Göttliche wiederum übermittelt die Schlüssel. Im Wesentlichen sind es drei Schlüssel. Einer ist der Schlüssel zum Han­deln. Wenn ein Aspirant den Schlüssel zum Han­deln begreift, wird er nicht länger so handeln, dass er sich selbst für die Gegenwart und die Zu­kunft bindet. Er erkennt Handlung als freu­dige Tätigkeit, an der keine Bindungen befes­tigt sind. Der Schlüssel zum Handeln befreit den Aspiranten von seinem Karma. Als Zweites wird der Schlüssel zur Weisheit gegeben, um die eigene Persönlichkeit zu erleuchten und Seelen­be­wusst­sein zu erreichen. Dadurch wächst der As­pi­rant in größeres Licht. Als Drittes erhält man den Schlüssel zur Selbstverwirklichung. Er wird als Technik des Gebets, der Verehrung oder der Me­di­tation übermittelt. Dadurch bekommt der Aspirant die Möglichkeit, das Selbst zu erkennen. Alle Schlüssel werden dem Aspiranten vom Göttli­chen durch den Lehrer gegeben. Deshalb ist der Dienst für den Lehrer ein eigener Schlüssel, der die Türen zu allen anderen Schlüsseln öffnet.

Lord Krishna gibt diesen Schlüssel als 34. Vers im vierten Kapitel der Bhagavad Gîtâ. Da­rin heißt es: „Erkenne, dass man durch demütigen, hin­ge­bungs­vollen und aufrichtigen Dienst für den Lehrer von ihm das Wissen empfängt – das Wis­sen vom Selbst, von der Schöpfung und von allem, was Ist.”

… wird fortgesetzt 

 

Entnommen aus dem Buch
Die Lehren von Sanat Kumara
Dhanishta Publications: dhanishta.org