Die Kunst des Heilens

 §273 – Sechste Ausgabe

In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wie es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es naturgemäßer und vernünftiger sei, nur einen einzelnen, einfachen 1 wohl gekannten Arzneistoff auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von mehreren, verschiednen. In der einzig wahren und einfachen, der einzig naturgemäßen Heilkunst, in der Homöopathie, ist es durchaus unerlaubt, dem Kranken zwei verschiedne Arzneisubstanzen auf einmal einzugeben.

1Die durch chemische Verwandtschaft, in unabänderlichen Verhältnissen zweier einander entgegengesetzter Substanzen, zusammengesetzten Neutral- und Mittelsalze, so wie die im Schooß der Erde entstandnen, geschwefelten Metalle und die, durch Kunst in sich stets gleichbleibenden Verhältnissen zusammengesetzten Verbindungen des Schwefels mit Laugensalzen und Erden (z.B. geschwefeltes Natron, geschwefelte Kalkerde), so wie die, aus Weingeist und Säuren durch Destillation verbundenen Aether-Arten, könne sammt dem Phosphor als einfache Arznei-Substanzen vom homöopathischen Arzte angenommen und bei Kranken gebraucht werden. Hingegen sind jene, durch Säuren bewirkten Auszüge der sogenannten Alkaloiden aus den Pflanzen, großer Verschiedenheit in ihrer Bereitung unterworfen (z. B. Chinin, Strichnin, Morphin) und können daher von dem homöopathischen Arzte nicht als einfache, sich gleichbleibende Arzneien angenommen werden; zumahl da er an den Pflanzen selbst, in ihrer natürlichen Beschaffenheit (Chinarinde, Krähenaugen, Opium) schon alles besitzt, was er zum Heilen von ihnen bedarf. Ueberdieß sind ja die Alkaloiden nicht die einzigen Arznei-Bestandtheile der Pflanzen.

Wird ein Medikament angewendet, ist für keinen Patienten ein weiteres Medikament erforderlich. Und so sollte auch kein weiteres gegeben werden. Es ist erstaunlich, dass jemand Zweifel hegt und überlegt, ob es gut wäre, ein Medikament für eine Krankheit oder mehrere Medikamente mit unterschiedlichen Eigenschaften für eine Krankheit zu geben. In der Homöopathie ist es unzulässig, zwei verschiedene Medikamente zur gleichen Zeit zu geben.

§274 – Sechste Ausgabe

Da der wahre Heilkünstler bei ganz einfachen, einzeln und unvermischt angewendeten Arzneien schon findet, was er nur irgend wünschen kann, (künstliche Krankheitspotenzen, welche die natürlichen Krankheiten durch homöopathische Kraft vollständig zu überstimmen, sie für das Gefühl des Lebensprincips auszulöschen und dauerhaft zu heilen vermögen,) so wird es ihm nach dem Weisheitsspruche: „daß es unrecht sei durch Vielfaches bewirken zu wollen, was durch Einfaches möglich,“ nie einfallen, je mehr als einen einfachen Arzneistoff als Heilmittel auf einmal einzugeben, schon deßhalb nicht, weil, gesetzt auch, die einfachen Arzneien waren auf ihre reinen, eigenthümlichen Wirkungen, im ungetrübten, gesunden Zustande des Menschen vöIIig ausgeprüft, es doch unmöglich vorauszusehen ist, wie zwei und mehrere Arznei-Stoffe in der Zusammensetzung einander in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper hindern und abändern konnten und weil dagegen ein einfacher Arzneistoff bei seinem Gebrauche in Krankheiten, deren Symptomen-Inbegriff genau bekannt ist, schon vollständig und allein hilft, wenn er homöopathisch gewahlt war, und selbst in dem schlimmsten Falle, wo er der Symptomen-Aehnlichkeit nicht ganz angemessen gewählt werden konnte, und also nicht hilft, doch dadadurch nützt, daß er die Heilmittel-Kenntniß befördert, indem durch die in solchem Falle von ihm erregten neuen Beschwerden diejenigen Symptome bestätigt werden, welche dieser Arzneistoff sonst schon in Versuchen am gesunden menschlichen Körper gezeigt hatte; ein Vortheil, der beim Gebrauche aller zusammengesetzten Mittel wegfällt 1.

1Bei der treffend homöopathisch für den wohl überdachten Krankheitsfall gewählten und innerlich gegebenen Arznei, nun vollends noch einen, aus andern Arzneistoffen gewählten Thee trinken, ein Krautersäckchen oder eine Bähung aus mancherlei andern Kräutern auflegen, oder ein andersartiges Klystier einspritzen und diese oder jene Salbe einreiben zu lassen, wird der vernünftige Arzt dem unvernünftigen allöopathischen Schlendrian überlassen.

Indem die richtigen, angezeigten Mittel nach dem Prinzip „ein Medikament – eine Dosis“ ohne Mischen mit anderen Mitteln gegeben werden, setzen die gewünschten Wirkungen auf die erforderliche Weise ein, d.h. es würden ähnliche, künstliche Krankheiten hervorgerufen werden und dabei helfen, die natürlichen Krankheiten zu heilen. Der Arzt sollte intelligent bei der Wahl einer einfachen, zur Verfügung stehenden Behandlungsmethode vorgehen und eine schwierige Methode vermeiden. Immer sollte eine einzige Dosis gegeben werden. Wenn diese Mittel an gesunden Menschen getestet werden, wird die wahre Wirkung eines jeden Medikaments in vollstem Umfang nachgewiesen. Wenn zwei oder mehrere Medikamente miteinander vermischt werden, ist nicht zu erkennen, wie sie den menschlichen Körper beeinflussen und welche Wechselwirkungen untereinander entstehen. Weiterhin ist klar nachgewiesen worden, dass das Mittel, das der Gesamtheit der Symptome im Körper ähnlich ist, seine heilende Wirkung nur unabhängig hervorbringen kann. Wenn die Ähnlichkeit nicht vollkommen ist, ist das kein Verlust. Der einzige Verlust besteht darin, dass es keinen Nutzen gibt. In solchen Fällen werden vorübergehend die Symptome, die das Medikament hervorruft, im Patienten erzeugt. Dadurch wird die Symptom-Gesamtheit solcher Medikamente noch einmal überprüft. Wenn mehrere Medikamente gleichzeitig gegeben werden, gibt es keine Möglichkeit, auch diesen Aspekt zu untersuchen.

Erklärung

Der Autor (Dr. Hahnemann) hat das Wissen über die Medikamente, die in diesem Buch vorkommen, zusammengefasst.

In der Homöopathie entsteht kein Schaden, wenn ein nicht ähnliches Mittel gegeben wird. Die Gesamtheit der Symptome dieses Mittels, die es zuvor im Patienten nicht gegeben hat, mögen vorübergehend im Patienten erscheinen. Das bedeutet, dass auf diese Weise die Symptomgesamtheit des Mittels noch einmal geprüft wird. Wenn es mit anderen Mitteln vermischt wird, ist diese Möglichkeit nicht mehr gegeben. (In der Allopathie, wo Medikamente durch das Mischen so vieler Substanzen zubereitet werden, können die unterschiedlichen Naturen jeder Substanz nicht in ihrem Originalzustand verstanden werden.)

… wird fortgesetzt

Original in Telegu von Dr. E. Krishnamacharya
Übersetzung von Dr. E. Krishnamacharya
Foto
Gemälde von Alexander Beydeman (1826–1869), Homöopathie, die Schrecken der Allopathie beobachtet, 1857, The State Tretyakov Gallery, Moskau, Russland