Gebot 5:

Arbeite als Seele, nicht als Persönlichkeit

Dies ist die beste aller Übungen im tägli­chen Le­ben – und zugleich ist es eine herausfordernde Anweisung. Sie ist die beste aller Heraus­forderungen, denen wir begegnen können: uns darin zu üben, als Seele zu leben und durch die Persönlichkeit zu arbeiten, uns zu erinnern, dass wir die Seele sind, während wir durch die Per­sön­lichkeit mit der Welt in Verbindung stehen. Diese Übung ist der Schritt schlechthin. Jeder von uns ist eine Seele. Wir sind nicht unsere Persönlichkeit, wir sind nicht unser Den­ken, wir sind nicht unser Körper. Der Kör­per, das Denken und die Persönlichkeit bilden unser ‚Fahrzeug‘, mit dem wir eine Beziehung zur Welt der Objektivität herstellen und in ihr aktiv werden. Die Seele ist der Meister. Die Per­sön­lich­keit mit ihrem Denken und ihrem Körper ist die Vermittlerin. Aus sich selbst heraus und ohne Persönlichkeit, Denken und Körper kann die Seele nichts in der Welt der Objektivität tun. Die Persönlichkeit ist die Ausstattung des Men­schen, aber nicht der eigentliche Mensch. Diese Unter­scheidung zwischen uns selbst und unserer Persönlichkeit müssen wir fest in uns aufbauen. Tun wir das nicht, taucht die Seele in der Persönlichkeit unter. Es ist so, als würden wir in der Welt versinken. Wir versinken, wenn wir uns in der Persönlichkeit aufhalten. Stattdessen sollten wir eine Person bleiben und durch die Persönlichkeit arbeiten.

‚Person‘ heißt im Sanskrit Purusha. Das Wort Purusha vermittelt den Inhalt besser, denn es be­deutet ‚der Eine, der in die Persönlichkeit einge­tre­ten ist‘. Die Seele entwickelt eine Persön­lich­keit und tritt in sie ein, um das Leben in der Ob­jek­ti­vi­tät zu führen. Genauso wie wir ein Haus bauen und dann einziehen, um dort unsere Aktivität zu entfalten. Die Person zieht ein, und die Persönlichkeit ist ihre Wohnung. Die Person sollte in der Lage sein, in die Persönlichkeit einzutreten und wieder hinauszugehen, genauso wie wir in ein Haus eintreten und wieder hinaus­gehen können. Leider identifiziert sich die Per­son mit ihrer Persönlichkeit und verliert ihre ursprüngliche Identität als Person. Die Seele ist die Person, die die Persönlichkeit aufbaut und dann in sie eintritt. Weil sie sich danach mit der Persönlichkeit identifiziert, vergisst sie ihre Identität als Seele, ihren ursprünglichen Status. Dann wird die umgewandelte Daseinsform als der ursprüngliche Zustand verstanden.

Daher haben wir Empfindungen wie ‚ich bin ein Mann‘, ‚ich bin eine Frau‘, ‚ich bin Inder‘, ‚ich bin Schweizer‘, ‚ich bin Deutscher‘, ‚ich bin Spanier‘ usw. Ich Bin ist weder indisch, noch schweizerisch, noch deutsch, noch spanisch. Ich Bin kann auch nicht amerikanisch sein, ganz egal wie großartig sich die Amerikaner vorkommen. Die Amerikaner halten sich für großartig und benutzen oft das Wort ‚großartig‘. Aber das Ich-Bin-Be­wusst­sein ist größer als großartig.

Es gibt noch weitere Identifikationen, z. B. ‚ich bin ein Geschäftsmann‘, ‚ich bin ein Leh­rer‘, ‚ich bin ein Herrscher‘, ‚ich bin jung‘, ‚ich bin alt‘, ‚ich war ein Kind‘ usw. Dann gibt es noch eine andere Gruppe, in der die Leute denken ‚ich bin ein Jünger‘, ‚ich bin ein Meis­ter‘, ‚ich bin ein Freimaurer‘. Alle diese Iden­ti­tä­ten sind falsch. Sie beziehen sich auf die Per­sön­lich­keiten und nicht auf die Seele. Die Seele bleibt Ich Bin. Bestenfalls kann sie Das Bin Ich oder Ich Bin Das Ich Bin sein. Alles Übrige ist ein Aufbau. Wir können nicht unser Aufbau sein, und wir können uns auch nicht mit dem Auf­bau identifizieren. Das Gebäude braucht einen Bauherrn, und der Bauherr ist die Seele. Für uns ist es viel wichtiger, uns ins Gedächtnis zu rufen, dass wir eine Seele sind, als uns an den Überbau zu erinnern. Ohne die Seele kann es keine Persönlichkeit, kein Denken und keinen Körper geben. Aber die Seele kann ohne Per­sön­lich­keit, Denken und Körper sein.

 

Sein und Werden

Die Seele ist der Mensch, die Seins-Einheit. Für ihre Arbeit baut sie ihre Ausrüstung aus Per­sön­lich­keit, Denken und Körper auf. Ohne das Sein gibt es keine Aktivität, aber das Sein kann ohne die Aktivität sein. Das Sein ist das We­­sent­liche, die Aktivität ist nebensächlich. In Zei­ten der Unwissenheit werden nebensächli­che Dinge wesentlich, und die wesentlichen Dinge werden völlig vergessen. Wenn heutzutage von der Seele gesprochen wird, argumentie­ren die Persön­lichkeiten heftig und mit aller Schärfe, dass es so etwas wie die Seele nicht gibt. Derartige Be­haup­tun­gen sind ganz natürlich, wenn man sich stark mit der Persönlichkeit identifiziert. Ein König fühlt, dass er der König ist. Er vergisst, dass er nicht von Geburt an König war, sondern König geworden ist. Vorher war er ein Prinz. Nach einiger Zeit wird er ‚der ehemalige König‘ sein, das heißt, er wird durch einen anderen König ersetzt, vielleicht durch seinen Sohn. Also war er ein Kind und ein Prinz, jetzt ist er ein König, und zu gegebener Zeit wird er ein ehemaliger König sein. All diese Stadien sind ein Werden, verschiedene Prozesse des Werdens zu verschiedenen Zeiten. Und wer weiß, was er sein wird, wenn er gestorben ist! Er wird einfach eine Seins-Einheit sein, bis er wieder etwas anderes wird.

Sein ist ewig, Werden ist vorübergehend. Sein ist der natürliche Zustand, Werden ist eine Um­wand­lung, die einem bestimmten Zweck dienen soll. Wir können nicht unsere Um­wand­lung sein. Zu jeder Zeit sollten wir ursprünglich bleiben und mit dem veränderten Zustand umgehen. Sein ist unveränderlich. Persönlich­keiten sind veränderlich. Wir können die Unver­än­der­lich­keit nicht erkennen, wenn wir im Veränderlichen versunken sind. Wie schon zuvor dargelegt, spielen wir den Tag über so viele Rollen. Für jede Rolle werden wir eine andere Persönlichkeit. Wir werden ein Ehepartner, Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester, Freund, Arbeiter, Reisender, Sprecher, Essender usw. Aber in all diesen Rollen bleibt das Sein konstant. Das Sein ist ein fortdauerndes Prinzip. Alles Werden hat einen Anfang und ein Ende. Wenn wir in jenen Dingen leben, die anfangen und zu Ende gehen, dann leben wir in den Zyklen von Geburt und Tod. Geburt ist ein Anfang, Tod ist ein Ende. Aber das Sein ist vor der Geburt, nach dem Tod und während der gesamten Inkarnation. Das Sein besteht zu jeder Zeit. Es existierte vor der Inkarnation, während der In­kar­nation und auch nach dem Tod. Es existiert zu jeder Zeit, unabhängig von Geburt und Tod. Doch eine Persönlichkeit wird geboren und stirbt nach jeder Geburt. Eine Seele hat verschiedene Persönlichkeiten in verschiedenen Inkarnationen. Sie kann eine männ­liche oder weibliche, eine asiatische, euro­pä­ische, amerikanische, australische oder afrikanische Persönlichkeit haben. Diese di­ver­sen Persönlichkeiten sind verschiedenartige Ge­wän­der, genauso wie Hosen, Hemden, Sâris oder Panjabis. Sich mit der Umhüllung zu identifizieren, ist Unwissenheit, und sich mit dem Be­woh­ner zu identifizieren, ist Wissen. Aus diesem Grund erinnert Sanat Kumâra daran, dass jeder von uns eine Seele ist und dass wir deshalb als Seele, als Sein, als Person, als Purusha tätig sein sollen. Dadurch wird es uns möglich sein, die Bru­der­schaft der Seelen zu erkennen.

Eine Seele zu sein, bedeutet, als Sein, als pul­sierendes Wesen, als pulsierendes Wesen mit Be­wusstsein zu leben. Sein, Bewusstsein und Pul­sierung sind die drei grundlegenden Merk­male der Seele. Bewusstsein hat seinen Glanz, pulsierendes Leben hat seine goldene Aura, und das Sein durchströmt das strahlende Licht und die goldene Aura. So ist die Seele, die wir sind. Die Persönlichkeit ist die Umhüllung, die wir aufbauen, genauso wie eine Schnecke ihr Haus oder eine Spinne ihr Netz baut. Wir können nicht auf das Schneckenhaus zeigen und behaupten, es sei die Schnecke. Die Schnecke unterscheidet sich von ihrem Haus. Sie lebt mit dem Schneckenhaus und nicht aufgrund des Hauses. Auch die Seele baut ihre Persönlichkeit auf. Sie ist nicht die Persönlichkeit, aber sie ist bei der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit existiert aufgrund der Seele und kommt aus ihr hervor. Soweit wir zu dieser Erkenntnis gelangt sind, bleiben wir mit dem Kopf über Wasser – über den Wassern des Lebens. Andernfalls ist es so, als wäre der Kopf im Wasser untergegangen. 

Deshalb: Sei eine Seele. Arbeite durch deine Persönlichkeit. Und nachdem die Arbeit getan ist, lebe wieder als Seele. Bleibe nicht als Per­sön­lichkeit zurück. Die Persönlichkeit ist ein Haus. Ein Meister der Weisheit legt seinen Kopf nicht in die Persönlichkeit, sondern er hält ihn über der Persönlichkeit oder fern von ihr. Jesus Christus drückte dies mit den geheimnisvollen Worten aus: „Der Menschensohn hat kein Haus, um seinen Kopf hinzulegen.” Das be­deu­tet, ein Meister der Weisheit lässt seinen Kopf nicht in die Persönlichkeit sinken und verhält sich nicht als Persönlichkeit. Er verhält sich als Meister, als Seele, die der Meister der Persön­lich­keit ist. 

 

Baue das Seelenbewusstsein auf

Aber woher kommt die Seele? Sie entsteht aus den drei Qualitäten der Natur. Jenseits dieser drei­fachen Natur befindet sich die Uni­versal­seele. Sie ist männlich-weiblich, Existenz-Be­­wusst­sein. Pulsierung ist ihre Natur. Reine Exis­­tenz steht über dem Bewusstsein und der Pul­sie­­­rung. Diese Exis­tenz wird Das genannt, und die Seele wird Ich Bin genannt. Das Bin Ich ist daher die Wahr­heit. Im Sanskrit heißt Das Bin Ich Soham. Durch Erinnerung sollten wir in uns aufbauen, dass wir die Seele sind und nicht ihre Wi­der­spie­­ge­lung, ihr Ableger. 

Dem Schüler wird empfohlen, täglich über sich selbst als Ich Bin, als die Seele zu kontem­plie­­ren und mit diesem Bewusstsein in das täg­li­che Leben einzutreten. Wenn er dann im täg­li­chen Leben den Formen begegnet, ist er an­ge­wie­sen, in jenen Formen nicht die Seele aus dem Blick zu verlieren. Wir müssen auch die Seele beobachten, nicht nur die Form und das Ver­hal­ten der Form. Falls wir nicht wirklich am Ok­kul­tis­mus interessiert sind, können wir die Seele nicht beobachten und diese Innenschau nicht entwickeln. Innenschau ist ein Wort, das von Aspiranten oft gebraucht wird. Auch Okkul­tis­mus ist ein Wort, das die Aspiranten normalerweise benutzen. Okkultismus ist die Fähigkeit, eine Innenschau zu entwickeln. Innen­schau bedeutet, das Innere einer Form zu sehen, egal ob sie belebt oder unbelebt ist. In allen unbelebten Formen treffen die Aspiranten auf die Schwelle der Form. In den belebten Formen treffen sie auf eine doppelte Schwelle, nämlich auf die Form und ihr Verhalten. Wer sich vom Verstand leiten lässt, sieht die Form und beobachtet das Ver­halten. Dadurch beurteilt er den anderen Men­schen. Wer eine Innenschau hat, blickt über die Form und ihr Verhalten hinaus und sieht die verborgene Seele. Wenn wir die Seele in den umgebenden Formen sehen, sind wir in der Lage, als Seele zu wirken. Ein Okkultist stellt den Kontakt von Seele zu Seele her. Er verbindet sich mit der Seele und kommuniziert mit der Per­sön­lich­keit. Dann kann man wirklich davon sprechen, dass Licht und Liebe übermittelt werden. Alles, was weniger ist als dies, leidet unter dem Schleier des Verhaltens und der Form und wird deshalb als Illusion betrachtet. 

Wer die Seele sieht, über sie kontempliert und sie während des täglichen Lebens in allem beobachtet, was ihn umgibt, wird langsam über­all die Seele und ihr Licht sehen. Er sieht über die Form und ihr Verhalten hinaus. So betritt er das Reich des Lichts, das Seelenreich. „Der Zugang zum Reich des Lichts wird von niemandem verwehrt. Die Menschen verwehren ihn sich selbst”, sagt Sanat Kumâra. Die Mensch­heit ist hauptsächlich mit Formen und dem Verhalten, das durch sie zum Ausdruck kommt, beschäftigt. Ständig beurteilen wir, ob etwas gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Durch solches Aufteilen bleiben wir geteilt, und damit entscheiden wir uns, in der Dualität zu leben. Aber wenn wir weitergehen und hinter den Schleier des Verhaltens gelangen, finden wir Eingeweihte, die nicht urteilen. „Richtet nicht”, ist eine Anweisung, die jeder Eingeweihte ausspricht. Auch Jesus, der als Seele und nicht als Persönlichkeit lebte und wirkte, tat dies.

 

Als Seele wirken

Eingeweihte leben als Seele, sie kommunizieren als Seele, und sie geben die Berührung der Seele. Sie verschleudern keine Weisheitskonzepte. Nur Intellektuelle verschleudern Weisheitskonzepte, aber nicht die Eingeweihten. Sie geben die Be­rüh­rung der Seele. Ihre Persönlichkeit benutzen sie als Hilfsmittel, um sich umherzubewegen und die Seelenberührung zu geben. Sie haben eine Persönlichkeit, die von der Seele durchdrungen ist und deshalb erstrahlt. Diese strahlen­den Per­sön­lich­keiten werden in der okkulten Termi­no­lo­­gie als ‚weiße Gewänder‘ beschrieben. Eine Per­son, die als Seele wirkt, hat eine transparente und hell strahlende Persönlichkeit, die auch als ‚wei­ßes Gewand‘ bezeichnet wird. Weiße Klei­dung aus Stoff anzuziehen ist etwas ganz anderes als das innere weiße Kleid zu besitzen.

Eingeweihte sind Vorbilder, denen die okkul­ten Schüler folgen sollten. Okkultismus bedeutet, Innenschau und Vision zu entwickeln und sich nicht um äußere Spaltungen zu sorgen. Es gibt ein Gebet, dem viele Gruppen auf dem Pla­ne­ten folgen: 

Let vision come and insight.

Let the future stand revealed.

Let inner union demonstrate and

outer cleavages be gone.

Let love prevail, let all men love.

Mögen Vision und Innenschau kommen.

Möge die Zukunft offenbar sein.

Möge innere Einheit sich zeigen und

äußere Spaltungen vorbei sein.

Möge die Liebe siegen, 

mögen alle Menschen lieben.

Dieses Gebet kommt über die Hierarchie von Sham­bala. Durch viele Gruppen auf dem Plane­ten spricht die Menschheit dieses Gebet. Aber sie bringt damit nur einen Wunsch zum Ausdruck. Das Gebet wird erst verwirklicht, wenn wir als Seelen zu arbeiten beginnen. Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: Die erste ist, dass wir uns als Ich Bin kontemplieren und uns dadurch aus der Identifikation mit der Persönlichkeit lösen. Die zweite ist, den ganzen Tag über die Seele in allen Formen zu sehen, von denen wir umgeben sind. Wenn wir diese Übung ununterbrochen fortsetzen, wird das oben genannte Gebet Wirklichkeit. Bis dahin bleibt es ein Wunsch. Um den Wunsch des Gebets zu erfüllen und es Wirklichkeit werden zu lassen, müssen wir mit uns selbst arbeiten. Zu diesem Zweck ist ein wei­te­res Gebet entstanden: 

May the light in me 

be the light before me.

Möge das Licht in mir 

das Licht vor mir sein.

Ich bin sicher, dass die Weisung klar geworden ist.

 

… wird fortgesetzt

 

Entnommen aus dem Buch

Die Lehren von Sanat Kumara
Dhanishta Publications: dhanishta.org