„Auch wenn die Psychosynthese als eine Synthese verschiedener therapeutischer und pädagogischer Ansätze präsentiert wird, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass sie ihre eigene ursprüngliche und zentrale Essenz hat.“ (Roberto Assagioli)1

Abstrakt

Dr. Roberto Assagioli, einer der Gründungsväter der transpersonalen Psychologie, beschrieb kurz vor seinem Tod mit 85 Jahren, was er für die Essenz der Psychosynthese hielt. Es war für ihn eine Psychologie, die auf der Seele als geistiges Wesen basiert. Es ist keine Überraschung, dass die Psychosynthese seitdem als „Psychologie mit Seele“ gesehen wurde.

Dieser Artikel stellt die sieben Kernkonzepte dar, die die Essenz der Psychosynthese bilden. Diese hat Assagioli als Grundlage seiner Arbeit definiert und wird heute von einigen als sein „letzter Wille“ betrachtet, als eine abschließende Aussage über seine Ideen und ihre praktische Anwendung. Dieser Artikel wird es dem Leser ermöglichen, die Weisheit in den sieben Kernbegriffen zu entdecken und zu erkennen:

Disidentifikation ist ein Weg zur Freiheit, das Selbst ist ein Weg zur Gegenwart, der Wille ist ein Weg zur Macht, das Ideal-Modell ist ein Weg, sich zu fokussieren, Synthese ist ein Weg zu fließen, das Überbewusste ist ein Weg zum Überfluss und das transpersonale Selbst ein Weg zu lieben.

Der Artikel basiert auf Kapitel eins aus meinem Buch: “The Soul of Psychosynthesis“, ist aber dieser Zeitschrift angepasst, indem er die sieben Kernbegriffe soweit wie möglich auf esoterische Lehren zurückführt. Es soll als eine prägnante Einführung und praktische Anleitung zu den grundlegenden Ideen eines der wichtigsten therapeutischen, pädagogischen und relationalen Ansätze in der modernen Welt dienen.

Einführung

Psychosynthese ist bekannt als „eine Psychologie mit Seele“. Die etymologische Bedeutung von „Psychologie“ bedeutet „das Studium der Seele“. Die Mainstream-Psychologie leugnet weitgehend die Existenz einer Seele als geistigen Kern, während für die Psychosynthese die Existenz der Seele zentral ist. Ich habe den Titel gewählt, weil ich herausfinden will, was der Kern, die Essenz oder die Seele in der Psychosynthese ist.
Die Psychosynthese bietet eine so weite und umfassende Sicht auf die Menschheit und unsere spirituelle Reise, dass wir ihre Zentralideen leicht aus den Augen verlieren können. „Psychosynthese“, ist Assagiolis erstes Buch. Es ist eine Sammlung grundlegender Schriften. Er verwendet eine breite Palette von Ideen und psychotherapeutischen Techniken aus vielen verschiedenen Quellen. Dies kann einen Leser leicht verwirren und den Eindruck erwecken, dass mehr oder weniger alles unter den Schirm der Psychosynthese aufgenommen werden kann.
Sam Keen, ein Redakteur von ‚Psychology Today‘, fragte Assagioli kurz vor seinem Tod im Jahr 1974: „Was sind die Grenzen der Psychosynthese?“ Assagioli antwortete: „Die Grenze der Psychosynthese ist, dass ihr keine Grenzen gesetzt sind. Es ist zu umfangreich, zu umfassend. Ihre Schwäche ist, dass es zu viel akzeptiert. Es sieht zu viele Aspekte gleichzeitig und das ist ein Nachteil.“ Das ist ein Eingeständnis und trifft den wunden Punkt, weil Psychosynthese so integrativ ist. Es ist ein Versuch, die tiefe Weisheit des Selbst, welche aus dem Osten kommt, mit der modernen westlichen Psychologie und ihrer Einsicht in das Unbewusste zu verschmelzen.

Die zentralen Ideen der Psychosynthese

Nichtsdestoweniger sind einige Kerngedanken von Assagioli in seinen Schriften hinterlegt und verbinden alle widersprüchlich erscheinenden Aussagen miteinander. Diese sind: Synthese; die Evolution des Bewusstseins; Energiepsychologie; die Manifestation des Geistes. Diese Themen finden sich auch im evolutionären Panentheismus und der metaphysischen Philosophie, auf der Assagiolis Arbeit basiert.
Dieses Konzept verwendet auch Ken Wilber und der Mitbegründer des Esalen Instituts, Michael Murphy, um ihre Philosophie zu definieren. In seinem Artikel über Evolutionären Panentheismus zeigt Murphy, wie einige der größten intellektuellen Giganten der Geschichte zu diesem Konzept gekommen sind. Sie haben unterschiedliche Namen verwendet, aber es häufen sich genug Gemeinsamkeiten, um sie miteinander zu verknüpfen. 3
Evolutionär bedeutet, dass Gott (Brahman, der Geist, der Eine) das Universum durchdringt und transzendiert. Gottes Gegenwart in der Schöpfung ist sowohl transzendent als auch immanent. Gott ist in allem, aber geht über das geschaffene Universum hinaus. Durch die Evolution – und somit durch die Menschheit und die Natur – entfaltet sich Gottes innewohnendes Potenzial. Nach dieser Theorie „entspringen“ die menschliche Seele und alle anderen Wesen von Gott oder „Pleroma“ (psychologisch das Große Selbst in uns). Das Wort Emanation kommt von dem lateinischen „emanare“, was „fließend“ bedeutet, und meint in diesem Fall Gottes Überfluss. Alle Geschöpfe sind von derselben göttlichen Quelle ausgegangen und sind durch die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins in die physische Welt hinabgewandert. Hier (in der physischen Welt) „vergisst“ der Mensch seine Herkunft. Die unbewusste / bewusste Sehnsucht nach seiner verlorenen ursprünglichen Einheit erzeugt das Verlangen im Menschen, zur Quelle zurückzukehren, und dieser Drang treibt die Evolution an. Der Zweck unseres Seins ist es, zu dem göttlichen Potential zu erwachen, das wir hier sind, um uns zu entfalten und zu manifestieren.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung meines Buches habe ich eine Reihe von Zitaten aus Assagiolis Büchern und Artikeln für Leser zusammengestellt, die den Hintergrund meiner Gedanken überprüfen wollen. Diese zeigen deutlich, dass Assagiolis Psychosynthese auf evolutionären Panentheismus beruht. 4
Um diese Themen zu verstehen, müssen wir uns das Gesamtbild ansehen. In der Psychosynthese können die vielen Techniken und theoretischen Elemente als Teile eines übergreifenden Prozesses gesehen werden. In seinem Buch „Psychosynthese“ beschreibt Assagioli diese Perspektive:
„Aus einer noch weiteren und umfassenderen Perspektive heraus erscheint uns das universelle Leben wie ein Kampf zwischen Vielfalt und Einheit – ein Bemühen und ein Streben nach Vereinigung. Wir scheinen zu spüren, ob wir es als ein göttliches Wesen oder als eine kosmische Energie begreifen, dass  der Geist, der sowohl an als auch in der gesamten Schöpfung arbeitet, alles in Ordnung, Harmonie und Schönheit erschafft und alle Wesen (einige willig, aber die Mehrheit noch blind und rebellisch) miteinander verbindet und durch Liebe vereint, die – langsam und lautlos, aber kraftvoll und unwiderstehlich – die höchste Synthese erreicht.“ 5
Dieses Zitat scheint eine direkte Interpretation des großen Gesetzes der Synthese zu sein, ein so wichtiger Aspekt der Esoterik.

Synthese

Synthese ist demnach ein Naturgesetz. Es ist das Ziel allen Lebens, ein Entwicklungsprozess, der alle Lebewesen beherrscht. Seine Absicht ist es, alle Lebewesen mit ihrer göttlichen Quelle durch die Energien von Liebe und Willen zu vereinen. 6

Assagioli bezieht dieses Gesetz auf das wissenschaftliche Prinzip der „Syntropie“, das sich auf den Mathematiker Luigi Fantappiè sowie auf Buckminster Fuller und Teilhard de Chardin bezieht. 7

Die Evolution des Bewusstseins

Assagioli setzt die Existenz einer schöpferischen göttlichen Intelligenz voraus, die die Entfaltung des Lebens antreibt und sich in uns als Sehnsucht nach einer größeren und allumfassenden Liebe ausdrückt. Diese innere Kraft lenkt unsere Evolution durch bestimmte universelle Entwicklungsstufen, vom Körper, zur Psyche und anschließend zur Seele und zum spirituellen Bewusstsein.

Es ist die Evolution des Bewusstseins von der Egozentrik zur kosmisch zentrierten Liebe. Nicht nur Menschen entwickeln sich, sondern auch die gesamte Schöpfung. Für Assagioli bewegt sich unsere Entwicklung durch „verschiedene Ebenen der Realität“ oder „Energiefelder“, vom Physischen zum Psychologischen und dann zum Spirituellen und Transzendentalen. Laut Assagioli sind diese Energiefelder ein „wesentlicher Aspekt der Psychosynthese“. 8

Assagioli sagt, dass der große evolutionäre Prozess, soweit wir wissen, in dem Mineralreich gipfelte und dann die umgekehrte Bewegung oder den Evolutionsprozess einleitete. Etwas optimistisch können wir sagen, dass wir auf halbem Weg sind. Wir haben das Mineral-, Pflanzen-, Tier- und teilweise das Menschenreich durchlaufen. Wir müssen also diese evolutionäre Entfaltung auf DAS EINE hin fortsetzen, aber es ist immer noch weit weg. 9

In der Zusammenstellung der Zitate von Assagioli: „Psychosynthese und evolutionärer Panentheismus“ bezieht er sich auf die Evolution des Bewusstseins an mehreren Stellen, 10 und er beschreibt diese Entwicklung sowohl im Individuum als auch im Sozialen.

Das psychologische Leben einer Nation entspricht weitgehend dem, was bei Individuen als unbewusst bezeichnet wird. Moderne Untersuchungen der unbewussten psychischen Affektivität haben festgestellt, dass diese hauptsächlich instinktiv, emotional und imaginativ sind. Der bewusste Teil eines Individuums entspricht in einem Volk einer Minderheit, die von seinen Denkern (Philosophen, Historikern, Psychologen, Soziologen und anderen) gebildet wird, von Wissenschaftlern, die sich bemühen, das Bewusstsein der Nation zu entwickeln, ihre Vergangenheit zu interpretieren, ihre gegenwärtigen Bedingungen zu beurteilen und in die Zukunft zu zeigen. Es kommt auch manchmal vor, dass diese großen Individuen nicht nur von ihrem eigenen Selbst inspiriert werden, sondern auch von der Seele ihrer Nation, die sie als ihre Instrumente und Repräsentanten benutzt, um sich zu offenbaren und ihren Gruppenzweck zu erreichen. 11

Wie erwähnt, ist Assagiolis Psychologie in dieser Hinsicht eng verwandt mit der von Ken Wilber und der zeitgenössischen Forschung, auf die Wilber zurückgreift, wie ich in meiner Masterarbeit über die Integrale Psychosynthese gezeigt habe. 12

Die Psychosynthese ist also eine Psychologie, die bewusst mit der Evolution kooperiert. Die Menschheit ist die erste Spezies auf diesem Planeten, die sich des Evolutionsprozesses bewusst geworden ist. Die Psychosynthese erkennt diesen Evolutionsprozess durch ihre psychologische Annäherung zur Harmonie und Einheit. Synthese ist ein allmählicher Prozess. Es beginnt in unserer inneren Welt, zuerst unbewusst, dann bewusst, wenn wir unsere persönliche und transpersonale Psychosynthese beginnen. Ihr Ziel ist die Harmonisierung und Versöhnung der Konflikte und Spaltungen, in denen wir uns befinden.

Energiepsychologie

Psychosynthese ist eine Energiepsychologie. Assagioli sah die Notwendigkeit für „eine Wissenschaft des Selbst, seiner Energien, seiner Manifestationen, wie diese Energien freigesetzt werden können, wie sie kontaktiert werden können, wie sie für konstruktive und therapeutische Arbeit genutzt werden können.“ 13
Assagioli räumt ein, dass harte „empirische Beweise für eine solche Wissenschaft“ noch fehlen; doch die zeitgenössische Forschung über das Bewusstsein und seine Auswirkungen auf das Gehirn, die mit der wissenschaftlichen Erforschung der „Achtsamkeit“ zusammenhängt, von der Assagioli nichts wusste, gibt deutliche Hinweise auf eine Verbindung zwischen Geist und Körper.
Durch die Psychosynthese gewinnen wir einen umfassenden phänomenologischen Zugang zur Welt der Energien. Wir können diese Welten direkt durch Innenschau erfahren und durch Methoden der Psychosynthese erlernen, wie wir unsere physischen, psychischen und spirituellen Kräfte lenken können. Arbeiten mit und in Energien ist eine Voraussetzung in der Arbeit der Psychosynthese.

Die Manifestation des Geistes

Abschließend möchte ich betonen, dass es bei der Psychosynthese nicht notwendigerweise um eine „mystische Erfahrung“ geht. Ihr Ziel ist es, nicht aus der Welt auszutreten, sie „zu transzendieren“ und eine andere „göttliche Welt“ zu erreichen. Für Assagioli ist Psychosynthese, vollständig in dieser Welt zu sein. Es geht darum, alle kreativen Ressourcen zu nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Auf diese Weise können wir zur Entwicklung des Lebens beitragen. 14
Für Assagioli ist die Synthese eine Vereinigung, die den Körper einschließt. Durch den Körper können sich spirituelle Energien in der Welt manifestieren. Die große Vision ist die Manifestation des Geistes auf der Erde; es ist eine Vision, die Assagioli mit vielen zeitgenössischen Evolutionisten teilt, insbesondere mit dem Integralen Yoga des östlichen Mystikers Sri Aurobindo.

Assagiolis „letzter Wille“

Von diesem allgemeinen Überblick über die Psychosynthese wollen wir zu einem detaillierteren Bericht über seine einzigartigen Eigenschaften übergehen, insbesondere jene, die für das Training und die Ausbildung der Psychosynthese relevant sind. Wir beginnen mit einem wichtigen Dokument, das Assagioli kurz vor seinem Tod schrieb.
In seiner Ankündigung an die Institute für Psychosynthese auf der ganzen Welt sagte Assagioli, dass die Psychosynthese „ihr eigenes ursprüngliches und zentrales Wesen“ habe. Nach John Firman und Ann Gila15 hat Assagioli einige Monate vor seinem Tod ein Dokument hinterlassen, das die Grundlagen für die Schulung in Psychosynthese skizziert. Firman und Gila berichten, dass es von manchen als sein „letzter Wille“ verstanden wird.
In diesem Dokument oder Testament wiederholt Assagioli, dass die Psychosynthese ein experimenteller Zugang zu den „Fakten“ ist, auf denen die Psychosynthese beruht. Jeder kann mit diesen Fakten im Laboratorium des eigenen Bewusstseins experimentieren, und es ist wesentlich für das Verständnis der Psychosynthese, solche Experimente durchzuführen.
Wie Assagioli schreibt:
„Während die Psychosynthese eine Synthese verschiedener Therapien und pädagogischer Ansätze anbietet, ist es gut, sich an die ursprüngliche und zentrale Essenz der Psychosynthese zu erinnern. Dies ist so, um keine verwässerte und verzerrte Version zu erhalten oder eine Verfärbung durch Konzepte und Tendenzen der verschiedenen zeitgenössischen Schulen. Gewisse grundlegende Tatsachen bleiben bestehen. Die begriffliche Ausarbeitung dieser Tatsachen, tiefe Erfahrung und Verständnis sind zentral und bilden das sine qua non der Psychosyntheseschulung.“ 16

Diese Erfahrungen sind:

Dies sind die sieben „Tatsachen“ und grundlegenden Merkmale der Psychosynthese, die Teil der Psychosyntheseschulung und des Lehrplans sein müssen. Diese Kernkonzepte können wir als „die Seele der Psychosynthese“ bezeichnen.
Nach Assagioli muss jede authentische Praxis und Ausbildung in Psychosynthese eine direkte Erfahrung dieser Bereiche beinhalten. Dies bedeutet nicht, dass sich die Psychosynthese nicht entwickeln kann oder sich nicht entwickeln möchte. Natürlich muss Entwicklung sein, sonst wäre es nicht psychosynthetisch. Die sieben Kernkonzepte bilden jedoch den Grundstein der Psychosynthese und bleiben die Grundlage und den Ausgangspunkt für das Training.
Im selben Dokument definiert Assagioli fünf relevante Bereiche für die Anwendung der Psychosynthese:

Das Obige muss auf der persönlichen Psychosynthese und später auf der transpersonalen Psychosynthese beruhen und sollte eine authentische Erfahrung der betreffenden Person sein, die sieben Kernkonzepte ins eigene Leben zu integrieren. Psychosynthese ist auf Erfahrung ausgerichtet; es ist ein praktischer Zugang zur persönlichen und spirituellen Entwicklung und kann nur durch die eigenen Erfahrungen verstanden und vermittelt werden. Was aus der Praxis dieser Kernkonzepte entsteht, ist interessant. Was sind zum Beispiel die direkten Vorteile des Praktizierens der Entgrenzung und der Entwicklung des Selbst und des Willens usw.?
Ich glaube, dass jedes Kernkonzept einen Entwicklungsweg oder Weg zu sieben verschiedenen Dimensionen des Bewusstseins offenbart: Freiheit, Präsenz, Macht, Fokus, Fluss, Fülle und Liebe. Das Ziel dieses Artikels ist es, zu zeigen, wie es sein kann, wenn man es auf das Gebiet der individuellen psycho-spirituellen Entwicklung anwendet, damit die Leser die Prinzipien sehen und auf die anderen oben erwähnten Bereiche übertragen können.
Es gibt zwei allgemeine Entwicklungen in der Psychosynthese, in der die Sieben Kernkonzepte angewendet werden – die persönliche und die transpersonale Psychosynthese. Die erste ist die Grundlage der spirituellen Arbeit und geht über die Integration aller persönlichen Energien (1 + 2 in Abbildung 1) des persönlichen Selbst. Maslow nennt diese Entwicklung Selbstverwirklichung und bezieht sich auf die Integration der Persönlichkeit in die esoterische Sprache. Transpersonale oder spirituelle Psychosynthesen stehen in Verbindung mit der Seelen-durchdrungenen Persönlichkeit und darüber hinaus und mit der Integration aller überbewussten Energien (Ebene 3 im Ei) um das Transpersonale Selbst herum und im Dienst ausgedrückt.

Assagiolis Ei-Diagramm  

1. Das untere Unbewusste
2. Das mittlere Unbewusste
3. Das höhere Unbewusste
4. Das kollektive Unbewusste
5. Das Selbst / Beobachter
6. Das Bewusstseinsfeld
7. Die Brücke des Bewusstseins
8. Die Seele / das transpersonale Selbst

Die sieben Kernkonzepte der Psychosynthese

Bevor ich diese Konzepte diskutiere, möchte ich kurz beschreiben, wie ich Assagiolis „Seven Core Concepts“ verstehe. Es basiert auf Zitaten von Assagioli und meinen persönlichen Erfahrungen und Reflexionen. Ich werde sie auch mit ähnlichen Konzepten in DKs Philosophie verbinden. Um unser Verständnis davon zu entwickeln, wie die sieben Kernkonzepte im wirklichen Leben angewendet werden, sehen Sie in Abbildung 1. Dies ist eine Illustration von Roberto Assagiolis Ei-Diagramm. Es macht anschaulich, wie das Selbst (5) und die Seele (8) durch die Brücke des Bewusstseins (7) interagieren. Das Selbst bewegt sich von der Geburt zur spirituellen Reife durch verschiedene Ebenen des Bewusstseins – vom unteren Unbewussten (1) zum Überbewussten (3). Diese Version des Eies muss als transparent betrachtet werden, so dass zwischen allen Ebenen und dem kollektiven Unbewussten ein Zu- und Abfluss stattfindet.

Gehen wir nun zum zentralen Thema dieses Artikels über.

Disidentifikation – Der Weg zur Freiheit

Die Mutter aller anderen Psychosynthesemethoden ist die Disidentifikation, die durch die Übung der Selbstidentifikation erworben wird. Assagioli riet, die Selbstidentifikationsübung „so früh wie möglich“ zu verwenden, da sie dem Arzt die Fähigkeiten vermittelt, die er benötigt, um die anderen psychotherapeutischen Techniken anzuwenden. 20

Das Ziel der Disidentifikation ist es, das Selbst zu entdecken. Assagioli definiert unsere Identität, das Selbst oder das bewusste „Ich“ als „einen Punkt reinen Selbstbewusstseins.21

Unser Identitätsgefühl wird oft durch unsere sozialen Rollen (Eltern, Beruf, Geschlecht) oder durch unterschiedliche Gedanken, Gefühle und Empfindungen geprägt. Folglich erkennen wir nicht, wer wir wirklich sind. Assagioli weist darauf hin, dass unsere wahre Identität in keiner dieser Rollen zu finden ist; denn es ist der Beobachter, der sich des Inhalts des Bewusstseins bewusst ist und der sich durch diese Rollen erlebt und ausdrückt.

Unsere Rollen und der Inhalt des Bewusstseins verändern sich ständig, während das Bewusstsein selbst und der „Beobachter“ ein permanentes, unveränderliches Zentrum ist.
Um dieses beständige, unveränderliche Zentrum des Bewusstseins zu erfahren, müssen wir uns von unseren Rollen und dem vorübergehenden Inhalt unseres Bewusstseins lösen. Wir müssen gedanklich zurücktreten und Gedanken, Gefühle und Empfindungen als beobachtbare Objekte erfahren. Das ist schwierig. Unsere unbewussten und halbbewussten Identifikationen sind schwer aufzugeben, und dies ist nur der erste Schritt. Grundsätzlich wollen wir uns mit dem Bewusstsein selbst, dem Subjekt und dem Beobachter, identifizieren und uns nicht an die verschiedenen Inhalte verlieren.

Warum ist das wichtig? Denn Assagioli sagt: „Wir werden von allem beherrscht, mit dem wir uns identifizieren.
Wir können alles beherrschen und kontrollieren, mit dem wir uns nicht identifizieren.“ 22

Mit anderen Worten, es geht darum, frei genug zu werden, um alles zu beherrschen, was in uns ist. Assagioli wurde von der östlichen Praxis von Vipassana inspiriert. 23 In Vipassana disidentifizieren wir uns von den Objekten des Bewusstseins, um eine direkte Erfahrung des Selbst als reines Bewusstsein zu erreichen. Die Psychosynthese kann dann als eine radikale psycho-spirituelle Praxis angesehen werden, ähnlich wie einige Yoga-Praktiken, und sie bietet technische Möglichkeiten, um diese Ebene des Bewusstseins zu erreichen. 24

Zu uns selbst zu erwachen und uns als reines Selbstbewusstsein zu erkennen ist ein Prozess und eine Reise. Obwohl das Selbst / Subjekt potentiell immer präsent ist, ist es normalerweise unter mehreren Schichten von Identifikationen verborgen, mit Gedanken, Gefühlen und körperlichen Empfindungen. Diese Schichten müssen erst erkannt und losgelöst werden, bevor unsere Identität als reines Selbstbewusstsein entstehen kann.
Um dieses Niveau zu erreichen, entwickelte Assagioli die Selbstidentifikations-Übung. 25
Disidentifikation mit dem Körper, den Emotionen und dem Denken ermöglicht es, uns mit dem Bewusstsein selbst zu identifizieren. Indem wir den Körper, die Gefühle und die Gedanken wahrnehmen, erkennen wir, dass diese Identifikationen nicht sind, wer wir sind, sondern dass wir erkennen, dass wir der „Beobachter“ sind. Dies führt zu größerer Freiheit. Anstatt bestimmten Rollen mechanisch zu folgen, können wir jetzt wählen, womit wir uns identifizieren möchten. Es ist ein Weg, zum reinen Bewusstsein des Selbst zu erwachen. Es ist eine Technik, Freiheit zu erreichen, weil das Selbst offen und ohne Inhalt ist.
Assagioli wurde, wie bereits erwähnt, durch Vipassana oder Insight Yoga, Raja Yoga und vielleicht durch das, was als „neti neti Übung“ bekannt ist, beeinflusst. Dieser Sanskrit- Ausdruck bedeutet „nicht das, nicht das.“ Indem er versteht, was er nicht ist, kann man die Natur von Brahman erkennen. Die bedeutet, die Unterscheidung zwischen dem Bewusstsein und seinen Inhalten.
Ich habe seine esoterischen Papiere nicht im Archiv seines Instituts in Florenz studiert, so kann ich keine klaren Schlussfolgerungen über die esoterische Herkunft seiner sieben Prinzipien ziehen. Auf Grund meiner vielen Studienjahre, in denen ich sowohl Esoterik als auch Psychosynthese studiert habe, kann ich meinen eigenen qualifizierten Vorschlag einbringen.
Der Tibeter (Djwhal Khul), der durch Alice A. Bailey arbeitete, verwendet den Begriff „Disidentifikation“ nicht in seinen Büchern, aber es scheint mir, dass Assagioli von den tibetischen „drei D’s“ inspiriert wurde: Enthaltung ( detachment), Leidenschaftslosigkeit (dispassion) und Diskriminierung, wenn über Disidentifikation geschrieben wird.
Bei der Psychosynthese geht es um selbst-initiiertes Wachstum und individuelle Bemühungen, um persönliche und transpersonale Psychosynthese. Die Methode, die der Tibeter vorschlägt, ist: „die Technik der Loslösung, der Leidenschaftslosigkeit und der Diskriminierung, die der Buddha lehrte.“ 26
Es ist mein Vorschlag, dass die Praxis der Disidentifikation tatsächlich Ablösung, Leidenschaftslosigkeit und Diskriminierung zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst entwickelt oder ermöglicht.
Disidentifikation ist eine Voraussetzung für die Identifikation mit dem Selbst als pures Selbstbewusstsein. Dies führt uns zu Assagiolis zweitem Kernkonzept: dem Selbst.

Das Selbst – Der Weg zur Gegenwart

Assagioli beschreibt „das Selbst“ auf unterschiedliche Arten. Er spricht vom persönlichen Selbst, vom bewussten „Ich“ und sogar vom Ego. 27

Assagiolis Gebrauch des Wortes Ego ist etwas ganz anderes als andere psychologische Disziplinen. Das kann Verwirrung stiften. Ich werde mich hier auf das persönliche Selbst als das Selbst oder den Beobachter beziehen, und wir sollten uns daran erinnern, dass das von Assagioli definierte Selbst immer „ein Zentrum reinen Selbstbewusstseins und Willens“ bedeutet. 28

Dieses Selbst ist kein Gedanke, kein Gefühl oder keine Empfindung, sondern dynamisches Bewusstsein, das beobachten und lernen kann, seine Inhalte zu meistern. Das Ego in der traditionellen Psychologie ist immer eine Art mentaler Formation, also etwas ganz anderes als das, wie Assagioli es darstellt.

Lassen Sie uns sehen, warum der psychosynthetische Ansatz im Vergleich zu anderen westlichen Psychologien einzigartig ist, indem wir uns auf das Selbst als reines Selbstbewusstsein konzentrieren. Das Selbst als reines Selbstbewusstsein zu erfahren, geschieht normalerweise nicht spontan. Es erfordert Introspektion und die Fähigkeit, sich aus dem „Bewusstseinsstrom“ zu entfernen. Die meiste Zeit identifizieren wir uns mit allem, was durch das Bewusstseinsfeld geht, und so ignorieren wir das Bewusstsein selbst vollständig. Dies ist ein Punkt, auf den sich Assagioli oft bezieht. 29

Warum ist reines Selbstbewusstsein so wichtig?

Psychosynthese ist bekannt als „Psychologie mit Seele“. Die etymologische Bedeutung von „Psychologie“ ist „das Studium der Seele“, aber während die Mainstream-Psychologie die Existenz der Seele als spirituellen Kern weitgehend leugnet, stellt die Psychosynthese die Seele in den Mittelpunkt.

Das Ziel der Disidentifikation ist es, einen Mittelpunkt in sich zu finden, um den wir die Ressourcen der Persönlichkeit integrieren können. Die Psychosynthese ist genau der Prozess, durch den wir all unsere psychologischen Ressourcen erkennen, entwickeln und entfalten. Dies beinhaltet das Überbewusste oder höhere spirituelle Möglichkeiten. Das Selbst ist solch ein Mittelpunkt. Durch die Präsenz des Selbst erwachen wir als Beobachter – (d.h.) Präsenz als fokussierte Selbsterfahrung. Durch diese Fähigkeit können wir ein harmonisches und befreites Leben erreichen.

Die Identifikation mit dem Beobachter gibt uns einen Standpunkt, von dem wir alles, was unser Bewusstsein enthält, erkennen können. Wir haben die Quelle des Lichts gefunden, die erhellt und verdeutlicht. Um wirklich frei zu sein, müssen wir in der Lage sein, Entscheidungen auf der Grundlage unserer bewussten Wahrnehmung zu treffen, im Wissen um unsere Ressourcen, Bedürfnisse und Werte. Ansonsten sind wir getrieben von unbewussten Wünschen, Ängsten und Emotionen, die möglicherweise nicht von uns selbst, sondern vom kollektiven Unbewussten kommen. Wenn wir das Selbst als Beobachter entdecken, haben wir die Möglichkeit, unsere Handlungen einzuschätzen. Dies soll die spontane Selbstdarstellung nicht behindern, sondern dafür sorgen, dass wir aus unseren tiefsten Werten und authentischen Bedürfnissen heraus handeln.

Selbsterkenntnis bedeutet „Präsenz“, die Fähigkeit, im Hier und Jetzt in einer unbefangenen Art wach und bewusst zu sein. Es ist eine liebevolle Gegenwart, die die Inhalte des Bewusstseins beobachtet und mit ihnen interagiert.

Die Entwicklung des Selbst ist daher eine Entwicklung zu größerer Präsenz, die Fähigkeit
vollkommen in sich selbst und dem erwachten Wesen zu ruhen. Die Entwicklung, von der ich spreche, ist ein allmähliches Erwachen für das Selbst; Dies beinhaltet einen Prozess und eine Entwicklung und der Entschleierung durch Disidentifikation.
Der Weg des Erwachens zum reinen Bewusstsein, indem das Bewusstsein selbst durch Bewusstseins-Meditation beobachtet wird, wird in der Lehre von Djwal Khul betont. Bailey sagt:
„Die wahre Meditation ist etwas, das die intensivste Anwendung des Geistes erfordert, die äußerste Kontrolle des Denkens und eine Einstellung, die weder negativ noch positiv ist, sondern eine ausgewogene Balance zwischen den beiden.“ 30
Assagioli stimmt dem zu und deutet mit seiner Technik der Disidentifikation und kreativen Meditation auf Selbstbeobachtung hin.
Der Tibeter betont deutlich die Einstellung als Beobachter oder Zuschauer in seiner Lehre und ermutigt seine Schüler, sie zu entwickeln:
„Du musst zweierlei tun, was – wenn es Dir gelingt – Deine Leistungsfähigkeit im Dienst außerordentlich erhöhen und sowohl Dein inneres als auch Dein äußeres Leben umgestalten wird. Du musst gewissenhaft mit dem Zeitfaktor arbeiten und erfolgreiche Arbeit muss sich sehr viel stärker in deinem Leben ausdrücken. Du solltest auch die Geisteshaltung, die ausgebildete Haltung des Beobachters des Lebens, der Menschen und Deiner Selbst viel entschiedener kultivieren als du es tust. Du musst die Aufmerksamkeit des Einen entwickeln, der das Leben und den Lebenskampf anderer beobachtet. Es ist erforderlich, dass du es vermeiden lernst, Dich so eng mit den Menschen zu identifizieren und es unterlässt, so bewusst mit ihnen zu leiden, um ihnen besser zu dienen und ein besserer Freund und Helfer zu sein. Deshalb ist innerer Abstand für Dich eine außerordentlich notwendige Eigenschaft, die kultiviert werden sollte.“ 31 Bei dieser Perspektive geht es bei Assagioli und bei den Tibetern darum, das Selbst als den Beobachter zu entdecken; so können wir vermuten, dass Assagioli hier auch Inspiration für das zweite Prinzip gefunden hat.

Der Wille – Der Weg zur Macht

Assagiolis drittes Kernkonzept ist der Wille. Von allen großen psychologischen Pionieren hat keiner so ausführlich über den Willen geschrieben wie Assagioli. Dass Assagioli den Willen direkt mit dem Selbst verbindet, macht deutlich, dass es eines der Hauptmerkmale der Psychosynthese ist.
Wie erwähnt, beschreibt Assagioli das Selbst als „ein Zentrum reinen Selbstbewusstseins und Willens“. Die Erfahrung des Willens ist nach Assagioli eine innere existentielle Tatsache und beinhaltet einen dreistufigen Prozess. Man erkennt zuerst die Existenz des Willens. Dann entdeckt man seinen Willen. Die dritte Stufe ist abgeschlossen, wenn man sich selbst als Willen erkennt. 32

Assagioli zufolge können wir in dieser letzten Phase bestätigen: „ICH BIN EIN WILLE; Ich bin ein bewusster, potenter, dynamischer Wille“ 33, der das zentrale Ziel der Selbstverwirklichung ist. Bevor dieser Prozess beginnt, können wir fühlen, dass wir keinen Willen haben und dass sich das Leben aus Zufallsereignissen und unbewussten Impulsen entwickelt.

Wenn der Wille so eng mit unserer Identität verbunden ist, ist es offensichtlich, warum er in erster Linie mit dem Selbst-Willen verbunden ist. Der Wille zum Selbst ist unser Drang und unsere Sehnsucht nach Authentizität und die Notwendigkeit, ein einzigartiges Individuum zu sein. Wenn wir den Willen direkt mit unserer Identität, dem Willen zum Selbst, verbinden, wird die Realität des Willens viel früher existenziell, d.h. sie wird als direkte innere Erfahrung empfunden.
Wenn unser Wille der Wille des bewussten persönlichen Selbst ist, wird er zu einer dynamischen Kraft, durch die wir uns ausdrücken. Wenn Assagioli vom Willen spricht, meint er etwas ganz anderes als den „viktorianischen Willen“ und die Unterdrückung unserer Wünsche und sexuellen Triebe. Assagioli glaubt, dass der Wille, wenn er ausreichend entwickelt ist, eine zentrale Kraft werden kann, die das Verlangen (und alle Aspekte unserer Persönlichkeit) gemäß dem authentischen Selbstbild des Selbst steuert und reguliert.
Der Wille ist kein Verlangen. Immer öfter widersprechen unsere Wünsche unserem Willen. Zum Beispiel, wenn wir etwas nicht tun wollen – weil wir wissen, dass es erniedrigend sein wird -, tun wir es trotzdem wegen der Macht der Begierde. Der Wille ist verbunden mit bewusster Wahl und Zustimmung, der Zustimmung des Beobachters. Der Wille ist im Grunde der Selbstwille. Aber wir können diesen Willen nicht immer ausdrücken, weil wir uns auf etwas verlassen oder sogar anhängig von etwas sind, das nicht mit unserem authentischen Selbstbild übereinstimmt.

Wenn wir Wir selbst sein wollen, müssen wir unsere Verbindung zu unserem Willen entwickeln. Selbsterkenntnis (der Beobachter) ist eine unabdingbare Voraussetzung für Individualität, denn sie schafft Bewusstsein. Der Wille ist ebenso wichtig, weil er uns die Kraft und Freiheit gibt, Wir selbst zu sein. Der Wille öffnet einen Entwicklungsweg zu einer exponentiell größeren Macht, weil es keine größere Macht gibt, als ein einzigartiges Selbst zu sein.

Der Wille ist oft der letzte Aspekt unserer Natur, den wir entdecken. Es kann beängstigend sein, wer wir sind, weil wir lernen müssen, alleine zu stehen. Freiheit hat ihren Preis. Wir müssen absichtlich den Herdeninstinkt und seine Abhängigkeit von sozialen Rollen, Konformität und „Normalität“ ablehnen. Der Wille gibt uns den Mut, von der Herdenmentalität in Selbstwahrnehmung und individuellen Ausdruck zu treten. Es genügt nicht, unsere Einzigartigkeit zu erkennen. Wir müssen unsere wahre Identität durch unsere Entscheidungen ausdrücken und Ausdrucksformen manifestieren. Wir brauchen den Willen als die Kraft, die vielen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, zu sammeln, zu integrieren und auszudrücken.
Durch den Willen, Selbst zu sein, entwickeln wir eine feste Richtung im Leben und beginnen, als ein unabhängiges und freies menschliches Wesen zu agieren. Assagioli bezeichnet diese Errungenschaft als „persönliche Psychosynthese“ und wenn jemand unter der Leitung des altruistischen transpersonalen Willens steht, bezeichnet er es als „transpersonale Psychosynthese“.
Assagiolis Ansichten über den Willen wurden stark von den tibetischen Schriften beeinflusst. Wenn überhaupt, gibt es wenige Traditionen, die eine so ausgearbeitete Philosophie über den Willen anbieten, wie die sogenannten „Bailey-Bücher“. Es scheint möglich, dass Assagioli, als der Schüler „FCD“ in den Bänden I und II der Jüngerschaft im Neuen Zeitalter, den Anreiz erhielt, über den Willen, wie der Tibeter ihn verstand, zu schreiben:

„ ….Ich möchte, dass du einen Artikel über die Macht des geweihten Willens schreibst. Jünger auf dem zweiten Strahl müssen den Gebrauch des Willensaspekts erlangen und dies ist für Dich ein unmittelbares Problem. Den Willen zur Ausdauer hast Du; der dynamische Wille, der Schranken zerbricht und alles mit sich fortreißt, ist dein nächstes Ziel und die nächste Entfaltung.“ 34

In einem Brief von 1935 schreibt der Tibeter an Assagioli:
„Du könntest ein Buch schreiben, das eine Zusammenfassung dieser neuen psychologischen Ideen darstellen könnte, die einem zentralen Thema untergeordnet worden sind, das sie ebenso beherrschen würde, wie der Kopf die Tätigkeit des Körpers beherrscht. Es wird sich Dir die Gelegenheit bieten, die Welt mit Ideen zu erreichen, die verhältnismäßig neu sind. Du musst jedoch ein Jahr lang daran arbeiten, Deine Gedanken und Dein Material zu organisieren, mein Bruder, damit Du die Denker der Welt mit den neuen Ideen auf dem Gebiet jener kommenden größeren Wissenschaft, jenem neuen Dienstfeld – dem Gebiet der Psychologie – erreichen kannst.“ 35

Dieses Thema könnte entweder Synthese oder der Wille sein, denn wir wissen, dass Assagioli 30 Jahre später sein Buch veröffentlichte: „Psychosynthese – Handbuch der Prinzipien und Techniken“, und 8 Jahre später „Die Schulung des Willens“.
Da ich im Besitz einer umfassenden Zusammenstellung über den Willen bin, geschrieben von Roberto Assagioli, die in seinem Archiv gefunden wurde, bin ich von dem tiefen Einfluss des Tibeters überzeugt.

Das Idealmodell – Der Weg zum Fokus

Das vierte Kernkonzept, das Assagioli in seinem „Statement on Training“ erwähnt, ist das Idealmodell. Wie bei der Selbstidentifikationsübung ist das Idealmodell ein wichtiges Werkzeug bei der Schaffung einer harmonischen und integrierten Persönlichkeit. Es ist eine Visualisierungstechnik, in der man sich ein Bild von dem macht, was man sein kann. Man fokussiert dann seine Ressourcen, um dieses Bild zu realisieren oder zu manifestieren. Das übergeordnete Ziel ist die Synthese, die Sammlung und Koordination aller unserer inneren Kräfte zu einer einzigen Einheit. Es zielt darauf ab, eine befreite, lebendige und spontane Fähigkeit zu entwickeln, all unsere kreativen Ressourcen zu verwirklichen.

Das Idealmodell zeigt ein realistisches Bild von dem, was man sein kann, wenn man den Willen und Enthusiasmus darauf konzentriert, dieses Modell oder Ideal zu werden. Ein Idealmodell ist ein authentisches Selbstbild, das die Vorstellungskraft und die Verhaltensmuster eines Menschen leitet. Es ist eine Technik, die Selbstbewusstsein, Willen, Fantasie und Leidenschaft mit dem Ziel verbindet, die beste Version von sich selbst zu werden.

Diese Technik orientiert sich an der Natur in dem Sinne, dass wir bereits eine Anzahl von Selbstbildern und Selbstwahrnehmungen enthalten, die wir im Laufe unseres Lebens bewusst und unbewusst „aufgezeichnet“ haben. Diese inneren Selbstbilder bestimmen unser Leben, weil sie uns nach ihrem Inhalt handeln lassen. Assagioli bezieht sich auf die psychologische Forschung, die diesen Begriff und das folgende psychologische Gesetz unterstützt: „Bilder, mentale Bilder und Ideen neigen dazu, die ihnen entsprechenden physischen Bedingungen und äußeren Handlungen hervorzubringen.“ 36

Er bezieht sich auf mehrere psychologische Gesetze, aber in Bezug auf das Idealmodell ist es das wichtigste.
Marketing und Werbung sind sich dieses Prinzips bewusst und nutzen es häufig, um Konsumenten zu manipulieren.
Assagioli nennt sechs Kategorien falscher Selbstbilder 37, darunter Selbstkonzepte, die das Selbstgefühl entweder unterschätzen oder überschätzen. Diese sind oft in der Notwendigkeit begründet, sich an die Umgebung anzupassen. Die Psychosynthese zielt darauf ab, diese falschen Selbstbilder zu entlarven und ein neues Idealmodell neu zu definieren, „das Bild von sich selbst, das er erreichen kann und auch erreichen wird, wenn die Psychosynthese abgeschlossen ist.“ 38

Das Idealmodell benutzt die Imagination, eine der sieben psychologischen Funktionen, die Assagioli in seiner Psychosynthese einschließt. Kreative Visualisierung ist eine leistungsfähige Technik, weil sie alle anderen psychologischen Funktionen synthetisieren kann. 39

Wenn wir uns ein Bild von dem machen, was wir realistisch sind, entwickeln wir Konzentration und Willen. Wir wecken Gefühle und Wünsche, die uns motivieren, das Bild zu verwirklichen. Dies stärkt das Image, was wiederum unser Verlangen erhöht. Wir schaffen eine neue Persönlichkeit um das Idealmodell herum, basierend auf unserem Wissen über verfügbare psychologische Ressourcen und was für uns bedeutsam ist. Diese Arbeit stärkt unseren Fokus darauf, ein authentisches Selbst zu werden, und die Arbeit mit den Idealmodellen ist selbst ein Weg zu mehr Fokus. Ein authentisches Selbst zu sein ist das wichtigste Ziel, das wir haben können, weil es bedeutet, dass wir dieses kreative Selbst in Freude und zum Wohle von uns selbst und anderen ausdrücken.

Assagioli empfiehlt, mit dem Idealmodell zu beginnen, um gewisse psychologische Qualitäten zu entwickeln. Das Idealmodell ist nützlich, wenn wir mit den unterlegenen Aspekten unserer Natur arbeiten und dabei helfen, mehr Frieden, Willen, Empathie oder was immer das Individuum braucht, zu erreichen.

Ich sehe auch eine besonders enge Beziehung zwischen Assagiolis Technik des Idealmodells und den Lehren des Tibeters in den Briefen über Okkulte Meditation, wo er sagt:
„Bei der zweiten Methode erschaut sich der Schüler selbst als idealen Menschen. Er sieht sich als den Exponenten aller Tugenden und versucht in seinem täglichen Leben seinem Idealbilde gleich zu werden.“ 40
Dieses Zitat von Djwhal Khul ist der wesentliche Punkt in Bezug auf die Arbeit, die wir mit dem Idealmodell ausführen.

Synthese – Der Weg zu fließen

In der Psychosynthese hat die Synthese eindeutig einen zentralen Stellenwert. Wie zuvor beschrieben, ist es eines der Naturgesetze und findet seinen Ausdruck in der Annäherung an Harmonie, Ganzheit und Einheit. Das können wir überall sehen. Es ist die Energie hinter der Evolution des Bewusstseins.

Historisch hat sich die Menschheit exponentiell in immer größer werdenden Gruppen organisiert. Ein Effekt davon ist das, was wir heute Globalisierung nennen. Dies hat sowohl gute als auch schlechte Konsequenzen. Diese Bewegung zur Ganzheit beginnt im Individuum durch das Bedürfnis, sich selbst zu erkennen. Aus diesem Grund sammeln sich die Ressourcen, die der Persönlichkeit zur Verfügung stehen, um bestimmte Ziele und Werte herum. Es scheint klar, dass das Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung noch nie größer war.
Wenn Gegenkräfte aufeinandertreffen, sei es in einem selbst oder zwischen Menschen, Gruppen oder verschiedenen Nationen, wird das Leben zu einem Konflikt, Krieg und Kampf. Dualität scheint unausweichlich; es erscheint auf allen Ebenen der Existenz: physisch, psychologisch und spirituell. Gerade diese Spannung schafft die Möglichkeit der Harmonie durch Konflikte.
Wir sind alle vertraut mit den psychologischen Dualitäten, die sowohl in uns selbst als auch in unserem Leben eine Rolle spielen, Freude – Schmerz, Vertrauen – Angst, Anziehung – Abstoßung und so weiter. Die Psychosynthese bietet die Möglichkeit, diese Konflikte zu harmonisieren und zu bewältigen. Die Leitlinie lautet, dass ein Konflikt nicht auf der Ebene des Bewusstseins, auf der er begonnen hat, gelöst werden kann, sondern nur auf einer höheren Ebene. Genau hier werden die Anerkennung des Beobachters und unsere Fähigkeit zur Disidentifikation entscheidend. Wenn wir uns von unseren widerstreitenden Polen entfremden, entsteht eine höhere Ebene des Bewusstseins (des Beobachters), durch die die Erkennungs-, Akzeptanz- und kreativen Techniken genutzt werden können, um die gegensätzlichen Kräfte zu versöhnen.
Wenn wir zum Beispiel eine neue Herausforderung annehmen, können wir feststellen, dass wir sowohl mit Aufregung als auch mit Angst reagieren. Die Lösung besteht nicht darin, die Angst zu unterdrücken, sondern den Teil von uns anzusprechen, der Angst vor Einsicht und Liebe hat. Unsere Angst, wenn sie transformiert wird, kann dann mit unserer Erregung zusammenwirken und diese entgegengesetzten Pole können synthetisiert werden. Dies bedeutet nicht ein fades Gleichgewicht zwischen gegensätzlichen Kräften, sondern etwas völlig Neues, eine Synthese, und anschließend ist ein vernünftiges Engagement möglich.
Durch die Psychosynthese gewinnen wir einen umfassenden phänomenologischen Zugang zur Welt der Energien. Wir können diese Welten direkt durch Introspektion erfahren und durch Psychosynthesemethoden lernen, unsere physischen, psychischen und spirituellen Kräfte zu lenken. Arbeiten mit und in Energien ist eine Voraussetzung in der Arbeit der Psychosynthese.

Das Ergebnis der Synthese ist der Fluss: die spontane Fähigkeit, sich in dem bestimmten Bereich frei auszudrücken. Die Arbeit mit der Synthese ist ein Entwicklungspfad, der den „Fluss“ in vielen Bereichen unseres Lebens erhöht.

Jeder, der mit der Lehre des Tibeters vertraut ist, wird wissen, dass die Synthese eine entscheidende Rolle in seinem Unterricht spielt. Eine Suche nach Synthese, Synthetisieren usw. erzeugt 1250 Treffer. Eines der wesentlichen Gesetze im Universum ist das „Gesetz der Synthese“. Assagioli schreibt im obigen Zitat ausführlich über die Supreme Synthese, so dass es naheliegend erscheint, auch hier eine enge Inspiration vorzuschlagen.

Das Überbewusste

Psychosynthese ist auch eine transpersonale Psychologie. Es spricht von sogenannten „Gipfelerfahrungen“, die die mystischen und transzendenten Ebenen des Bewusstseins einbeziehen. Im Laufe der Geschichte haben die Menschen inspirierende Erfahrungen gemacht, die in einigen Fällen die Welt verändert haben. Diese Erfahrungen können als eine Vereinigung mit einer allumfassenden Liebe oder als tiefe Einsichten in existentielle Gesetze empfunden werden. Diese außergewöhnlichen Erlebnisse sind zwar selten, aber so „natürlich“ wie gemeinsame Erfahrungen wie Hunger, Aggression und Sexualität.
Das Überbewusstsein ist Assagiolis sechstes Kernkonzept der Psychosynthese. Es hat seinen Fokus auf die Erforschung und die Entwicklung von transpersonalen Zuständen. Das Überbewusstsein ist ein Obergeschoss in unserem inneren Haus (Persönlichkeit), das Energien, Werte und Modi enthält, die ganzheitliche und universelle Erfahrungen beinhalten. Hier kommen wir dazu, die Welt als einheitliches Netzwerk von Energien zu verstehen und direkt zu erfahren, mit denen wir alle verbunden sind.
Das Überbewusstsein ist der höhere Aspekt der Persönlichkeit. 41
Wir können sagen, dass die verschiedenen Bewusstseinsebenen außerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins aus verschiedenen Arten von miteinander verbundenen Energien bestehen. Das Überbewusstsein besteht aus Energien von höheren Frequenzen als die unseres „normalen“ Bewusstseins. 42

Es äußert sich durch unsere erleuchteten Dichter, Politiker, Künstler, Pädagogen, Wissenschaftler, Mystiker und Schöpfer. Diese Menschen teilen eine universelle Ethik und zeigen ein Genie und tiefe Einsicht, die unsere Zivilisation und Kultur geprägt haben. Obwohl diese Personen sich dessen nicht bewusst sind, sind sie Ausdruck des Geistes der Synthese. Sie zeigen uns die höheren spirituellen Möglichkeiten, die wir alle erwerben können.
Die Psychosynthese hat Methoden entwickelt, um in die höheren Ebenen des Überbewussten einzudringen, damit sich die Erfahrungen von Schönheit, Liebe und Kraft kreativ manifestieren können. So wie die Kräfte aus dem Unteren Unbewussten gereinigt, transformiert und integriert werden müssen, müssen wir auch unsere spirituellen Energien integrieren, damit wir all unser menschliches Potenzial verwirklichen können. Das Überbewusstsein ist die innere Schatzkammer der Seele, in der wir eine Fülle kreativer Möglichkeiten finden und ausdrücken können. Wir können sagen, dass die Techniken, die uns mit dem Überbewusstsein verbinden, einen Entwicklungsweg zu größerer Fülle darstellen. Anstatt leere Leben zu füllen, schaffen wir ein reiches Leben, das wir mit der Welt teilen. Assagioli beschreibt dieses Ziel als transpersonale Psychosynthese.

Das Überbewusste ist auch ein vertrautes Konzept in der esoterischen Philosophie des Tibeters, und sogar die drei Hauptstufen, die in der Psychosynthese verwendet werden, werden erwähnt.

Es wird sich zeigen, dass zwischen jeder der verschiedenen Bewusstseinsstufen (vom Unterbewussten über das Selbstbewusstsein bis zum Überbewusstsein) eine Periode der Verbindung, des Aufbaus und der Überbrückung besteht … 43

Dies ist eine sehr genaue Beschreibung der Ziele der persönlichen und transpersonalen Psychosynthese. Dies bringt uns zum letzten Kernkonzept.

Das transpersonale Selbst – Der Weg zur Liebe

Unser Fokus lag darauf, die wesentlichen Elemente der Psychosynthese zu erforschen und dies bringt uns zu dem weiteren Schritt, die volle Erfahrung des transpersonalen Selbst zu fördern. Während ein solcher Schritt schwierig ist, wie auch Assagioli zugibt, ist es dennoch nützlich, ein theoretisches Verständnis des transpersonalen Selbst zu haben, da es als ein wichtiger Leitfaden dient, wenn man die Technik des Sprechens mit dem inneren weisen Lehrer benutzt. Assagioli nannte das transpersonale Selbst manchmal das Höhere Selbst oder einfach das Selbst (mit einem großen S) oder die Seele. Ich nenne es Transpersonales Selbst oder Seele.

Viele Menschen haben die Seele erfahren und Assagioli schreibt: „In jedem Fall haben Tausende von Individuen, vielleicht Millionen, die Erfahrung des Selbst gemacht und ihr Zeugnis gegeben. In Indien wird es traditionell ‚Atman‘ genannt. Einige der christlichen Mystiker waren sich dessen bewusst und nannten es verschiedentlich den ‚göttlichen Funken‘ der Person, die ‚Spitze‘, die ‚Basis‘, das ‚Zentrum‘ und die ‚innerste Essenz‘.“ 44

Aber wir haben kein transpersonales Selbst; wir sind dieses Selbst. Wenn Assagioli zwischen dem persönlichen Selbst und dem transpersonalen Selbst unterscheidet, nimmt er nicht zwei „Selbst“ an. Das persönliche Selbst ist eine blasse Reflexion oder Emanation seiner Quelle, des transpersonalen Selbst. Es ist ein phänomenologischer Unterschied, ein Erlebnis, zwischen dem Selbst der Welt der Persönlichkeit – erfahren durch die Filter unseres Geistes – und der Seele in seiner eigenen transzendenten Welt. Das Selbst ist immer das Zentrum reiner Selbsterkenntnis und des Willens, egal was passiert.

Assagioli erklärt den Unterschied so:
„Der wahre Unterscheidungsfaktor zwischen dem kleinen Selbst und dem höheren Selbst besteht darin, dass das kleine Selbst sich seiner selbst als ein ausgeprägtes getrenntes Individuum bewusst ist, und ein Gefühl der Einsamkeit oder der Trennung kommt manchmal in der existentiellen Erfahrung vor. Im Gegensatz dazu ist die Erfahrung des spirituellen Selbst ein Gefühl der Freiheit, der Erweiterung, der Kommunikation mit anderen Ichs und mit der Realität und dem Gefühl der Universalität. Es fühlt sich zugleich individuell und universell.“ 45

Das Transpersonale Selbst schafft das Überbewusste 46 mit all seinen kreativen Prozessen von Licht, Schönheit und Liebe. Die Seele ist ein statisches Zentrum des reinen Seins und der Selbstwahrnehmung, deren Energien genauso strahlen wie die der Sonne, ein Vergleich, den Assagioli oft macht. Wir sehen die Sonnenstrahlen, aber nicht ihren stabilen Kern. 47

Für Assagioli ist die Seele ein göttliches Lebewesen, und wir erfahren ihr Wesen als eine stille innige Verbindung mit allen Lebewesen und dem Kosmos. Im Zentrum der Seele entdecken wir uns als eine ruhige, beobachtende und dynamische Präsenz, ein universelles und unveränderliches Bewusstsein und Bewusstsein, das im Hintergrund permanent präsent ist. Die Seele ist Zeuge all unserer Ebenen von Bewusstsein und Prozessen, die selbst durch die Emanation und den Willen der Seele entstehen. Die Seele ist individuell. Es hat einen einzigartigen Zweck: das universelle Bewusstsein durch einen konkreten physischen Ausdruck zu manifestieren. Die Seele und ihre Emanation repräsentieren die Beziehung zwischen Sein und Werden. Die Seele ist niemals etwas anderes als „Ich bin Es“, aber wo unser persönliches Selbst durch den Körper, die Emotionen und Gedanken eingeengt wird, ist das „Selbst über die Persönlichkeit hinaus und unberührt vom Geiststrom und den körperlichen Bedingungen“. 48 „Das Selbst ist außerhalb der Zeit und darüber. Es existiert und lebt in der Dimension des Ewigen“. 49

Die Seele ist grenzenlos. Womit wir uns in der Welt der Persönlichkeit identifizieren, ist wie ein Wassertropfen in einem Meer endloser Möglichkeiten und Ressourcen. Das transpersonale Selbst kann nie vollständig „erklärt“ werden. Es übersteigt das Vermögen sachlicher Sprache, und wir können nur auf die Qualität des Erlebten verweisen. Eine Eigenschaft beschreibt mehr als alles andere die Seele, und das ist Liebe. Diese Liebe kann „Einheitsbewusstsein“ genannt werden; dadurch erfährt die Seele eine tiefe Verbindung mit allen Lebewesen. Die Seele erfährt keine Trennung, weil sie ihre essentielle Einheit mit allen Lebewesen als eine existentielle Tatsache erkennt. Der Kontakt mit dem transpersonalen Selbst eröffnet somit einen Entwicklungsweg zur grenzenlosen Liebe, dessen Beschreibung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Im obigen Text sehen wir, wie Assagioli zwischen dem transpersonalen Selbst und dem Überbewusstsein unterscheidet. Das transpersonale Selbst schafft das Überbewusste und in Bezug auf die Esoterik können wir sagen, dass das transpersonale Selbst – der Stern an der Spitze des Ei-Diagramms – das Juwel im Lotus, der monadische Punkt – Atman – und das Überbewusstsein die Energien repräsentiert und Qualitäten, die aus den 12 Blütenblättern hervorgehen.

Dies ist auch in Übereinstimmung mit der Lehre von DK und einem wundervollen Artikel, “Das Überbewusstsein und das Selbst“, basierend auf einem Interview mit Assagioli, das diese Unterscheidung deutlich zeigt. 50

Fazit

Roberto Assagiolis „Psychosynthese“ ist ein weitreichender, synthetischer Ausdruck der östlichen Weisheitstraditionen und der westliche wissenschaftliche Zugang zu den unterbewussten, bewussten und überbewussten Welten des Menschen. Er war ein wahrer Pionier und Entdecker in die Tiefen und Höhen des Menschen. Sein wahres Vermächtnis wird sein Bestreben sein, das östliche Konzept von Atman oder das Höhere Selbst in der Mainstream-Psychologie mit Beispielen und in der Literatur einzuführen. Roberto Assagioli hat diese Jahrzehnte erreicht, bevor Abraham Maslow in den sechziger Jahren die vierte Kraft der Transpersonalen Psychologie einführte. Seine sieben Kernkonzepte und deren Anwendung in der Praxis bilden das Rückgrat eines modernen yogischen Pfades der Selbstverwirklichung vom vorpersönlichen zum transpersonalen Bewusstsein und darüber hinaus.

Leser, die daran interessiert sind, die Anwendung der sieben Kernkonzepte auf die spirituelle Psychotherapie weiter zu erforschen, könnten sich überlegen, die gedruckte / e-kopierte Version „Die Seele der Psychosynthese“ von diesem Autor zu lesen.

Kontakt

www.kennethsorensen.dk

Quellenangabe

1 Roberto Assagioli, “Training—A Statement from Roberto Assagioli,” Florence: Istituto di Psicosintesi, 1974 See http://www.psykosyntese.dk/a-167/ See also the Assagioli archive:http://www.archivioassagioli.org/info_pub_eng.php
2 Sam Keen, The Golden Mean of Roberto Assagioli, Psychology Today Interview, 1974
3 Michael Murphy, 2012, “The Emergence of Evolutionary Panentheism”: http://www.itpinternational.org/library/print/emergenceevolutionary-panentheism.
4 Kenneth Sørensen, 2015, “Psychosynthesis and Evolutionary Panentheism,”https://kennethsorensen.dk/en/psychosynthesis-and-evolutionary-panentheism/.
5 Roberto Assagioli, Psychosynthesis (Winnipeg,MB: CAN, Turnstone Press, 1975), 31.
6 Roberto Assagioli, The Act of Will (Winnipeg,MB: CAN, Turnstone Press, 1974), ch. 9-10.
7 bid., 32.
8 Roberto Assagioli, Undated 2, Talks on the Self, (Handed out from The Psychosynthesis and Education Trust, London).
9 4Ibid.
10 There are many references about evolution in the collection of quotes Psychosynthesis and Evolutionary Panentheism, see the compilation of quotes at:https://kennethsorensen.dk/en/psychosynthesis-and-evolutionary-panentheism
11 Roberto Assagioli, Undated 4, 1965. From the couple to the community, (unknown source).
12 Kenneth Sørensen, MA-dissertation: IntegralPsychosynthesis, a comparison of Ken Wilberand Roberto Assagioli:http://www.integralworld.net/sorensen1.html.
13 Assagioli,Psychosynthesis, 194.
14 Ibid., 207.
15 John Firman & Ann Gila, Assagioli’s Seven Core Concepts for Psychosynthesis Training,2007
16 “TrainingA statement by Roberto Assagioli,”Florence: Istituto di Psicosintesi, 1974.
17 Ibid.
18 Ibid.
19 Roberto Assagioli, Psychosynthesis: A Collection of Writings, The Synthesis Center, 2000.
20 Assagioli,Psychosynthesis, 119.
21 Ibid., 18.
22 Ibid., 111.
23 Keen, The Golden Mean of Roberto Assagioli,http://synthesiscenter.org/articles/0303.pdf.
24 Assagioli,Psychosynthesis, 19.RThe Esoteric Quarterly30 Copyright © The Esoteric Quarterly, 2017.
25 Ibid., 11.
26 Alice A. Bailey, Discipleship in the New Age,Vol. 1 (reprint 1972; New York; Lucis Trust,1944), 3.
27 Ibid., 7-18.
28 Roberto Assagioli, The Act of Will (Winnipeg,MB: CAN, Turnstone Press, 1974), 216.
29 Assagioli,Psychosynthesis, 112
30 Alice A. Bailey, The Consciousness of the Atom (reprint 1989; New York: Lucis Trust,1961), 111.
31 Bailey, Discipleship in the New Age, 130.
32 Assagioli, The Act of Will, 7.
33 Ibid., 176.
34 Bailey, Discipleship in the New Age, 141.
35 Ibid., 146.
36 Bailey, Discipleship in the New Age, 51
37 Assagioli, Psychosynthesis, 167.
38 Ibid., 164.
39 Ibid., 144.
40 Alice A. Bailey, Letters on Occult Meditation(reprint 1978; New York: Lucis Trust, 1950),146.
41 Ibid., 89.
42 Ibid., 198
43 Alice A. Bailey, A Treatise on Cosmic Fire(reprint 1979; Lucis Trust. 1951), 643.
44 From and interview with Roberto Assagioli.
45 Assagioli, Psychosynthesis, 87.
46 Assagioli, Training—A statement.
47 Assagioli, Undated 2.
48 Assagioli,Psychosynthesis , 19.
49 Roberto Assagioli, The Conflict between the Generations and the Psychosynthesis of the Human Ages, Psychosynthesis Research Foundation, 1973, Issue No. 31.
50 Roberto Assagioli, The Superconscious and the Self, http://www.psykosyntese.dk/a-172/.