Gebot 1:

Frage dich selbst: „Wer bin ich?”

Die erste Anweisung des Herrn lautet: „Frage dich selbst: ‚Wer bin ich?’” Normalerweise sind wir nicht, was wir generell zu sein glauben. Je­den Tag, wenn wir morgens aufwachen, sollten wir uns die Frage stellen: „Wer bin ich?”

Diesem ‚Wer bin ich?‘ misst der Herr allergrößte Bedeutung bei. Es ist eine fundamentale Frage, durch die wir unsere Identifikation mit allem verlieren, von dem wir glauben, es zu sein. Wir sind nicht das, was wir zu sein glauben.

Wir sind es gewohnt, uns zu definieren und uns in einer Identität festzusetzen. Meistens iden­ti­fizieren wir uns mit einer weltlichen Iden­ti­tät. Wir erinnern uns nicht, dass wir einfach ein We­sen zwischen den Milliarden und Aber­mil­liar­den von Wesen sind und eine sich verändernde Form und eine Tätigkeit in dieser Welt haben. ‚Ich bin Kumar‘ ist nicht so wahr, ‚ich bin ein Mann‘ ist nicht so wahr, ‚ich bin ein Lehrer‘ ist nicht so wahr. Ich Bin war nicht Kumar, bevor ich diesen Namen bekam. Ich Bin war kein Mann, bis ich eine maskuline Form entwickelte, Ich Bin ist nicht jederzeit ein Lehrer. Ich Bin ist Ich Bin, und das ist die ursprüngliche Identität. Dieses Ich Bin hat weder Name noch Form, son­dern ein pulsierendes Gewahrsein, das kein un­ab­hän­gi­ges Da­sein hat. Es kommt aus der Exis­tenz hervor, mün­det in die Existenz und hat seine Identität als Be­wusst­seinseinheit. Wenn es in die Existenz mün­det, löst sich auch die Frage auf: „Wer bin ich?“

Von jenem Zustand der reinen Existenz gibt es relative und aufeinander folgende Stadien bis hin zum weltlichen Zustand.

Unser Name ist nicht das, was wir sind, weil er nach unserer Geburt gegeben wurde. Die Form ist nicht das, was wir sind. Denn wenn wir die Fotos betrachten, die seit unserer Kind­heit bis jetzt von uns gemacht wurden, sehen wir, dass sie immer eine andere Form von uns zeigen, und die Form wird sich weiterhin verändern. Wir halten uns nur an jene Fotos, auf denen wir sehr gut aussehen, und wir möchten nicht, dass andere Fotos von uns gezeigt wer­den. Aber wir sind nicht diese Form, weil wir in jedem Leben eine andere Form haben. Wir sind nicht das, was wir für unseren Namen halten, wir sind nicht das, was wir für unsere Form halten, und wir sind nicht das, was wir für unsere Tätigkeit halten. Tätigkeiten verändern sich. Unsere Formen verändern sich fortwährend, nicht nur in Bezug auf die Größe, sondern wir wechseln manchmal auch das Geschlecht, um vielfältige Erfahrungen zu machen, die zur Erfüllung führen. 

Auch unsere Tätigkeiten verändern sich ent­spre­chend dem Bedürfnis der Seele, zur Erfül­lung zu gelangen. Tätigkeiten wechseln von ei­nem Leben zum nächsten und von Zeit zu Zeit innerhalb eines Lebens. Wir können das Ich Bin nicht auf Dauer mit einem Namen, einer Form oder einer Tätigkeit identifizieren. Wir sind einfach Ich Bin, eine Bewusstseinseinheit, eine Idee, die aus der Existenz hervortritt. Aber selbst das Ich Bin wird nicht als real betrachtet. Die einzige Realität ist die Existenz. Ich Bin ist der sekundäre Zustand nach jener Existenz. Ich Bin ist ein Gewahrsein der Existenz. In der reinen Existenz gibt es kein Gewahrsein. Es ist in der Existenz aufgegangen. Deshalb führt das Nach­den­ken über die Frage ‚Wer bin ich?‘ zur Reali­tät der einen Existenz. Alles übrige, was auf dieser Wirklichkeit aufgebaut wurde, ist ein Überbau. Ich Bin ist eine Projektion der Existenz, ein Keim. Die Existenz ist auch da, wenn kein Gewahrsein vorhanden ist. Daher führt uns die Frage zu der einen Realität und offenbart uns die relative Illusion von allem übrigen. Die sieben Ebenen sind auf der Grundlage der Existenz erbaut, jedoch haben sie nur eine relative Wirklichkeit. 

In diesem Rahmen hängen die Leute in ihrem Namen, ihrer Form und ihrer Aktivität fest. Sie sind so hoffnungslos auf diesen Aspekt fixiert, dass sie in der eingeengten Identität steckenbleiben. Damit man sich selbst aus dieser hoffnungslosen Fixierung lösen kann, wird die Kontemplation über „Wer bin ich?“ empfohlen. Wenn wir uns nicht zu dieser Kontemplation entschließen können, bleiben wir in Definitionen hängen, die nur Umgrenzungen sind. Wir leiden entsprechend der Vielzahl unserer selbst geschaffenen Umgrenzungen.

 

Ausgewogenheit der männlichen und weibli­chen Energien

Je nachdem, welche Erfahrungen benötigt wer­den, inkarnieren Personen in männlichen oder weib­­lichen Körpern. Die Schriften sagen, dass die See­len abwechselnd in männlichen und weib­li­chen Körpern Erfahrungen machen, um ihre Un­aus­­ge­wo­gen­­hei­ten in der männlichen und weiblichen Energie abzurunden. In einem Yogî oder Meis­ter sind die männlichen und weib­li­chen Ener­gien ausgewogen, und daher wird er als androgyn betrachtet. Bis man diesen androgy­nen Zustand erreicht hat, erlebt man in sich die Un­aus­ge­wogen­heit der männlichen und weiblichen Energien.

Jede Person ist mehr oder weniger männlich bzw. weiblich. Gott ist männlich-weiblich, und deshalb sind alle Menschen männlich-weiblich. In jedem Menschen gibt es Geist und Materie, die man auch positive und negative Energie, übermittelnde und empfangende Energie sowie erweiternde und zusammenziehende Energie nennt. Wenn wir diese Energien in uns ausgeglichen haben, gewinnen wir die optimale Er­fah­rung. In Wahrheit ist der Mensch, die Seele, weder männlich noch weiblich. Ist es daher nicht Unwissenheit zu denken: „Ich bin eine Frau” oder „Ich bin ein Mann”? Die Wahrheit ist: Ich Bin hat sich in einer männlichen und in einer weiblichen Form verkörpert, genauso wie wir in einem Mercedes oder in einem Rolls Royce sitzen können. Die Fahrzeuge sind verschieden, aber Ich Bin bleibt dasselbe. Männliche und weibliche Körper sind wie Wohnungen, aber sie sind nicht die Bewohner. Der Bewohner ist das eine Ich Bin. Formen wechseln, der Bewohner bleibt derselbe. Deshalb sollten wir uns nicht zu eng mit der Definition von männlich und weiblich verbinden.

Genauso sind auch die Namen nur gegebene Namen, die sich von einem Leben zum nächs­ten unterscheiden. Unser Name kommt nicht mit uns in unser nächstes Leben, unsere Form kommt nicht mit uns in unser nächstes Leben. Daher ist es Unwissenheit, wenn wir eine sehr enge Verbindung zu unserem Namen und unserer Form herstellen. Sich mit dem Namen und der Form zu identifizieren ist äußerste Un­wis­sen­heit.

Ich Bin ist männlich-weiblich, und es pulsiert zentripetal und zentrifugal. Auch in dieser Pulsierung ist die ausdehnende Pulsierung männlich und die zusammenziehende Pulsie­rung weiblich. Ich Bin kann man folglich als pul­sie­rendes Bewusstsein und als Projektion der Exis­tenz betrachten. Etwas aufgrund von Namen und Formen zu definieren ist Unwissenheit, und sich mit einem Namen und einer Form zu iden­ti­fi­zieren ist Illusion. Deshalb ist es hilfreich, sich jeden Tag an das Ich Bin zu erinnern, um sich vom Namen und von der Form zu lösen und sich daran zu erinnern, dass man eine proji­zierte Einheit der Existenz ist – eine Be­wusst­seins­einheit. Es wird empfohlen, diesen Be­wusst­seins­zustand zu erreichen. Doch man sollte be­den­­ken, dass sogar dieser Zustand nur ein se­­­kun­­dä­res Stadium ist.

 

Rollenspiel

Sobald wir morgens wach werden, sollten wir uns die Frage stellen: „Wer bin ich?” Wir sollten uns nicht als Dame des Hauses oder als Hausherrn, nicht durch unseren Namen, unsere Form oder Stellung zu Hause definieren. Dies sind alles Rollen, die wir spielen. Wir spielen die Rollen von Hausfrauen, Brotverdienern usw. Den ganzen Tag über spielen wir Rollen. Wir sind Schauspieler, ohne es zu wissen, und wir sind viel bessere Schauspieler als die Filmstars. Der einzige Unterschied ist, ein Filmstar weiß, dass er schauspielert, und wir wissen es nicht. Wir haben uns mit unseren Handlungen und mit unseren Rollen identifiziert. Das ist unser Problem. Deshalb gibt es die dringende Emp­feh­lung, bei Theaterstücken mitzumachen und Rollen zu spie­len. Dann spielen wir einmal die Rolle eines Hel­den, beim nächsten Mal eine Nebenrolle, beim dritten Mal spielen wir einen Halunken und beim vierten Stück einen Witzbold. Welcher von diesen Vier sind wir? Jedes Mal, wenn wir die Rolle von Râma spie­len, glauben wir Râma zu sein! In meiner Kind­heit musste ich in The­a­ter­stücken weibliche Rollen übernehmen. Trotz­dem habe ich nie geglaubt, ein Mädchen zu sein, auch dann nicht, wenn ich eines darstel­len musste. Ich erinnerte mich daran, was Ich Bin, und spielte die Mäd­chen-Rolle. Das hat mir die Au­gen geöffnet, denn es ermöglichte mir, die Rolle eines Man­nes zu spielen, während ich mich an Das Bin Ich erinnerte und nicht daran, dass ‚ich ein Mann bin‘. Durch solche Ereignisse im Leben können Einweihungen geschehen. Tat­säch­lich erfolgen Einweihungen nicht durch auf­wän­dige Prozeduren, bei denen der Aspirant mehr in Erwartung lebt als dass er präsent ist. Ein­wei­hungen ereignen sich. Sie können nicht geplant werden.

Vom Aufwachen bis zum Einschlafen spielen wir jeden Tag so viele Rollen. Ein Mann, der ein Familienoberhaupt ist, spielt die Rolle eines Oberhaupts (oftmals kopflos, so dass der eigentliche Kopf seine Frau ist). Wenn er seine Frau sieht, spielt er die Rolle des Ehemanns. Wenn er seine Kinder sieht, spielt er die Rolle des Vaters. Wenn er seine Eltern sieht, spielt er die Rolle des Sohns. Wenn er in sein Büro geht, spielt er die Rolle eines Chefs, eines Kollegen usw. Er wird ein Freund, wenn er seinen Freund sieht. Alle diese Tätigkeiten entstehen aus einem ‚Werden‘. Den ganzen Tag lang befinden wir uns in einem Werde-Prozess und vergessen bei dem ganzen Spiel, dass wir ‚Seiende‘ sind, dass wir Ich Bin sind. Wir sollten uns erinnern, dass wir ‚Seiende‘ sind, nicht ‚Werdende‘. Werden ist vorübergehend, Sein ist dauerhaft. Man ist nicht das Oberhaupt einer Familie, Ehemann, Vater, Sohn, Freund usw. Dies alles sind Rollen, die entsprechend der Zeit, dem Ort und den Personen gespielt werden. Was sind wir, wenn niemand um uns herum ist? Wir sind nicht unser Name, wir sind nicht unsere Form, wir sind nicht unser Geschlecht, wir sind einfach Ich Bin und Bewusstsein, eine Bewusstseinseinheit. Diese Wirklichkeit müssen wir im Tagesablauf von Zeit zu Zeit berühren. Ansonsten sind wir in der Welt verloren und ständig damit beschäftigt, unsere Rollen wie Chamäleons zu wechseln. Ein Chamäleon verändert seine Farben entsprechend der Farbe des Baumes, auf dem es sitzt. Solange es nicht im hellen Tageslicht sitzt, kennt es seine Farbe nicht. Das helle Licht des Tages muss zu uns kommen, und dies geschieht, wenn wir uns so regelmäßig und rhythmisch wie möglich an das Ich Bin erinnern. Dieses Ich Bin defi­niert sich nicht durch einen Namen, eine Form usw. Doch dies ist erst der halbe Weg. Danach muss er weiterverfolgt werden, bis das Ich Bin im Das verschwindet. Aus diesem Grund wird die Erinnerung an Ich Bin als erste Anweisung von Lord Sanat Kumâra gegeben. Wenn wir je­der­zeit in dieser Erinnerung leben, ist es uns mög­lich, im Licht der Seele zu bleiben und als Seele zu arbeiten. Erleuchtete Menschen wirken als Seele, aber nicht als Persönlichkeit, die einen Namen, eine Form und das ganze übrige Iden­titäts­gepäck mit sich herumträgt. Andere Iden­ti­tä­ten sind nur unnötiges Gepäck. Ich Bin ist der einzige Reisende. ‚Weniger Gepäck, mehr Be­quemlichkeit‘ ist auch ein esoterisches Sprich­­wort. Es ist nicht nur exoterisch.

Lege alle anderen Identitäten ab. Du bist nur berechtigt, Ich Bin zu spüren. 

Dummerweise identifizieren sich die Leute mit allem, was sie tun und gehen darin unter. Es gibt Leute, die glauben, sie seien Banker, Ge­schäfts­leute, Ärzte, Professoren, Lehrer, Wissen­schaft­ler, und dann gibt es noch andere, die mei­nen, sie seien Gurus oder Meister. Dies alles ist Unwissenheit. All diese Rollen spielen wir für uns selbst. Jeder ist Ich Bin, einfach Ich Bin. Sogar das Ich Bin ist ein Konzept, das in fort­ge­schrittenen Stadien der Erleuchtung verschwin­det. Die Lehrer des Advaita sagen: Die erste Illu­sion ist Ich Bin, und alle Identitäten, die um das Ich Bin aufgebaut werden, sind noch schlimmere Illusionen. 

Ich Bin ist nur eine Projektion des Einen Be­wusst­seins, das alles durchdringt. Es ist das universale Bewusstsein, das sich als individuelles Be­wusst­sein darstellt, genauso wie das Meer eine Welle entstehen lässt. Die Welle ist nichts anderes als das Meer. Sie hat keine eigene Identität, sondern sie ist ein Teil des Meeres. Das individuelle Bewusstsein ist nur eine vor­über­gehende Erscheinung, genauso wie eine Welle im ozeanischen Bewusstsein. Die Welle ist nur ein Konzept des Meeres, eine flüchtige Projektion des Meeres. Sie taucht auf und verschwindet. Durch ihre Aktivität lässt die Welle auch ihren Schaum entstehen, der so gut wie keine Substanz hat. Die Substanz der Welle ist das Meer, aber die Substanz im Schaum ist illu­so­risch. Die Welle ist das Ich Bin, und andere Identitäten, die uns zu schaffen machen, sind wie der Schaum. Vom Standpunkt der ewigen Zeit aus haben sie nur vorübergehenden Wert. 

Es ist einigermaßen vertretbar, Ich Bin als unsere Identität zu empfinden, aber irgendetwas anderes als Ich Bin wahrzunehmen ist Un­wis­sen­heit. Durch das Leben in falschen Identitäten bleiben wir in der Welt hängen und werden weltlich. Wir sollten daran denken, dass wir nicht von der Welt sind. Wir sind in der Welt. Diese Vorstellung ist hilfreich, denn sie ermöglicht uns, aus unseren falschen Identitäten heraus­zukommen. Das Leben in falschen Identitäten führt uns zur allmählichen Gefangenschaft in der Welt der Aktivitäten. Wenn wir unsere ursprüngliche Identität bewahren, leiden wir nicht unter dem Einfluss der Welt. Im Gegenteil, wir finden Gefallen daran, in der Welt zu sein.

Jedes Mal, wenn wir in die Welt gehen, dann ist das genauso, als würden wir die Bühne eines Theaters betreten. Wir spielen eine Rolle und wissen sehr wohl, dass wir nur eine Rolle spielen. Wir spielen und verlassen anschließend die Bühne. Wir bleiben nicht länger als vorgesehen, wir sagen nichts, was nicht im Drehbuch steht, wir spielen nicht zu viel und nicht zu wenig. Auf der Bühne müssen wir die vorgesehene Hand­lung spielen. Wir müssen sprechen, was gesprochen werden soll. Zur rechten Zeit sollten wir die Bühne betreten und auch rechtzeitig abtreten. Ohne diese Regeln gelten wir nicht als gute Schauspieler. Entsprechendes kann auf die Welt übertragen werden. Die Welt ist die Bühne, die wir betreten und auf der wir unsere Rolle spielen. Wir sprechen, was wir zu sprechen haben, tun, was wir zu tun haben und verlassen rechtzeitig die Bühne. Nachdem wir unsere Rolle gespielt haben, können wir nicht länger auf der Bühne herumhängen, und wir können uns auch nicht vorzeitig zurückziehen. Das alles wird möglich, wenn wir uns erinnern, dass jeder Ich Bin ist, eine Projektion des universalen Be­­wusst­seins. Wenn wir diese Identifikation verloren haben, hängen wir im weltlichen Theater fest und machen unerwünschte Erfahrungen mit dem irdischen Publikum. Ich hoffe, dieser Punkt ist deutlich geworden.

 

Ankommen und Abreisen – wie wir dies er­fah­ren

Wir können einfach fragen: „Wer bin ich?” Wenn wir morgens aufwachen, nehmen wir sofort eine Identität an. „Was war ich im Schlaf? Was war im Schlaf da? Wo bin ich hergekommen, und von wo treffe ich jeden Tag ein?“ Ganz zu schwei­gen von: „Von wo bin ich in dieses Leben ge­kommen?“ Wenn wir wissen, woher wir jeden Tag kommen, dann wissen wir auch, woher wir aus unserem letzten Leben gekommen sind. Das Gleiche gilt für das Einschlafen. Wir sollten versuchen zu erkennen, wohin wir gehen.

Ankunft und Abreise – in jedem Flughafen gibt es diese zwei Gates. Wir gehen zu ‚An­kunft‘, um in Empfang zu nehmen, und wir ge­hen zu ‚Abreise‘, um zu verabschieden. Ge­nauso ist es, wenn wir wissen, wohin wir ab­rei­sen. Dann wissen wir, was mit uns nach dem Tod geschieht. Auf ähnliche Weise können wir auch erfahren, woher wir gekommen sind. Die­ses Wissen ist wichtig, denn dadurch können wir die Mauern zu unserer Vergangenheit und Zu­­kunft durchbrechen. Solches Wissen gibt uns die Bewusstseinskontinuität von der Vergangen­heit in die Gegenwart und von der Gegenwart in die Zukunft. Die Kontinuität des Bewusstseins führt uns in die ewige Gegenwart, in der sich Zu­kunft und Vergangenheit vereinen. Zukunft und Ver­gangenheit laufen in der Gegenwart, die immer hier und jetzt ist, zusammen. „Wer bin ich?” führt uns in die Gegenwart.

So war es auch beim Schöpfer. Als er aus der Ewigkeit erwachte, tauchten in ihm die Fragen auf: „Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was soll ich tun? Wozu bin ich gekommen? Wie bin ich aufgewacht?” Dies alles sind fundamentale Fragen. Wir haben keine Zeit, nach Antworten zu suchen, weil wir so viel zu tun haben, nachdem wir wach geworden sind. Die allmorgendliche Routine ist so umfangreich, dass wir gleich mitten drin sind, und normalerweise laufen wir dem Zeitplan hinterher. Wir werden nicht ein bisschen früher wach. Und selbst wenn wir aufwachen, stehen wir nicht auf. Die Welt fordert uns bereits. Ist es nicht weiser, früher aufzustehen, bevor die Welt kommt, auf der Schwelle steht und anklopft? Alle guten Jünger stehen des­halb früh auf, um morgens eine Weile nachzu­den­ken, zu kontemplieren, ehe sie in die Welt eintauchen. 

Wir sollten die Denkmaschine (den Verstand) nicht gleich nach dem Aufwachen in die Welt wan­dern lassen, sondern sie auf die fundamentalen Fragen ausrichten. Wir denken über solche Fragen nach und kontemplieren über sie. Ge­nauso lassen wir, wenn wir uns am Abend zurückziehen, alle weltlichen Identitäten los und schlafen nur als Ich Bin ein. Die tägliche Übung des Ankommens und Weggehens von der Welt hilft tatsächlich, in der Erinnerung an das Ich Bin zu leben. Es ist eine Übung von unschätzba­rem Wert, die es uns ermöglicht, uns über Wasser zu halten und nicht darin unterzugehen, während wir in der Welt tätig sind. 

 

Zwei Schritte der Jüngerschaft: Amaratvam und Brahmatvam.

Jüngerschaft ereignet sich in zwei Schritten: der erste ist, unsterblich zu werden und der zweite ist, Brahman zu erkennen. „Amaratvam und Brah­mat­vam”, sagt Meister CVV. Amaratvam be­deu­tet ‚Unsterblichkeit‘. Brahmatvam bedeutet ’sich selbst erkennen‘. Jeder Lehrer führt seine Schüler zu diesen beiden Schritten. Dies ist der Weg. Es gibt keinen anderen. Wer die Wahrheit erkennt, vermittelt sie auf diese Weise. Zuerst führt er die Schüler zur Bewusstseinskontinuität, die über die Dualität von Geburt und Tod hinaus­reicht, und danach zur Quelle des Bewusst­seins, zur reinen Existenz.

Erinnerung an Ich Bin ist der erste und wichtigste Schritt, um die Kontinuität des Bewusst­seins aufzubauen. Das Ich Bin zieht seine Persön­lich­keit und seinen Körper zu sich heran und ent­wickelt seine eigene Beziehung zur familiä­ren, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Welt. Da­bei verschwindet das Ich Bin in der Per­sön­­lich­keit, die in der Objektivität versinkt. Rück­be­sin­nung auf das Ich Bin bedeutet daher, sich aus der Welt der Objektivität und aus der Per­sön­lich­keit mit ihren Gedanken, Wünschen, Plä­nen, Vor­ha­ben usw. zu sammeln. Dieses erneute Sam­meln wird symbolisch das ‚Gewinnen von Butter aus der Milch‘ genannt. Ansonsten bleibt die Butter un­lös­bar mit der Milch verbunden. Wenn die Milch kräftig durchgerührt und gequirlt wird, kommt die Butter zum Vorschein. 

Somit ist Jüngerschaft ein Vorgang, bei dem die eigene Persönlichkeit kräftig durchge­schüt­telt wird, um Ich Bin, das Selbst, wie­der­zugewinnen. Nur wenn man als Ich Bin lebt, gilt man als Be­wusstseinseinheit. Solche Be­wusst­seins­ein­hei­ten werden Bewusstseins­säulen ge­nannt. Nur mit Be­wusstseinssäulen kann ein Tem­pel gebaut werden, das bedeutet, göttliche Aktivität kann durch­­ge­­führt werden. In einem anderen sym­bo­li­schen Ausdruck heißt es: „Nur wenn sich die Butter gebildet hat und gut aufbewahrt wird, kommt Krishna unbemerkt herbei, um sie selbst aufzuessen oder sie an seine Mitarbeiter zu verteilen.” Das erste ist ein Freimaurer-Symbol, das zweite ist ein poetischer bzw. poetisch romantischer Ausdruck. Wer für den göttlichen Plan arbeiten möchte, muss in der Identifikation mit dem Ich Bin leben und darf nicht in anderen Identitäten verweilen. Solange man in anderen Identitäten (z. B. Name, Form, Status, Nationalität usw.) lebt, kann man in der göttlichen Arbeit nicht wirklich von Nutzen sein.

Der moderne Mensch ist sehr beschäftigt, und der moderne Verstand ist noch viel be­schäf­tig­ter. Ständig ist er auf der Suche nach Pro­grammen und Vorschlägen. Das Denken kann aktiv sein, aber wir sollten es nicht überaktiv werden lassen. Das moderne Denken lässt sich mit dem mo­der­nen Verkehr auf unseren Straßen vergleichen. Unsere Straßen haben ein hohes Ver­kehrs­auf­kom­men, und so stellen sie den Zustand unse­res Den­kens dar. Der Stra­ßen­ver­kehr wird immer dichter, und rund um die Städte gibt es zahlreiche Ver­kehrs­staus. Genauso ist auch das Den­ken überfüllt und verstopft. Es ist mit vielen Gedanken angefüllt, mehr als es verkraften kann. In unserer Zeit ist es noch viel notwendiger als früher, sich hinzusetzen und eine Weile darüber nachzudenken: „Wer bin ich? Was tue ich? Tue ich, was getan werden muss oder mache ich einfach alles und jedes? Was ist das Ziel dieses Lebens?” Setzen wir uns jeden Tag eine Zeitlang hin und stellen wir uns diese Fragen. Lösen wir uns von der Welt und auch von unserer Persönlichkeit. Wir verbleiben als Ich Bin und überblicken unsere Persönlichkeit, unsere Aktivität und unser welt­li­ches Engagement. Wer regelmäßig seine Ge­bete und Verehrungen durch­führt, ist damit so sehr beschäftigt, dass er sich deshalb jene Fragen nicht stellt. Aber es ist not­wen­dig, dass wir uns jeden Tag diese wesentli­chen Fragen stellen. Daher beginnt Sanat Ku­mâra seine Lehren mit dieser grundlegenden Frage: „Wer bin ich?”

 

Eine Geschichte von drei Söhnen

Eine Mutter ging mit ihren drei Söhnen in eine Groß­stadt. Ihre Söhne wollten sich die Stadt an­­se­hen. Die Mutter sagte: „Passt auf! Immer wenn ihr eine Straße überquert, achtet auf den Ver­kehr. Kommt am Abend heil und unversehrt zu­rück.” Die Söhne brachen auf. Doch am Abend kehrten sie nicht zurück, denn sie waren in einem Krankenhaus gelandet. Sie waren von Au­tos angefahren worden, als sie über die Straße gin­gen. Ihre Mutter hatte ihnen gesagt, dass sie auf den Verkehr achten sollten, wenn sie über die Straße gingen. Deshalb überquerten sie die Straße nur, wenn der Verkehr rege floss. Weil sie nicht verstanden, was die Mutter gesagt hatte, warteten sie auf den Verkehr und gingen dann los. Eigentlich hatte die Mutter gemeint, dass die Söhne losgehen sollten, wenn die Straße frei ist und dass sie sich vergewissern sollten, ob die Straße frei ist, wenn sie diese überqueren. 

 

Was ist wahre Meditation?

Die Schüler möchten meditieren, aber ihre Me­di­tationen enden in einer Katastrophe. Was ma­­chen die Schüler während der Meditation? Sie den­ken über ein Symbol, eine Farbe, einen Klang, eine Land­schaft, eine göttliche Form usw. nach. Dies alles sind Gedanken, und Gedanken sind Fahr­zeuge, die das Verkehrsaufkommen ent­stehen lassen. Die Schüler stoßen gegen diese Ge­­dan­ken und können nicht über sie hinaus­ge­langen. Sie können sie nicht überqueren. Me­di­ta­tion sollte uns in die Lage versetzen, die Ge­dan­ken­ebene zu durchschreiten. Sitzen und Denken ist keine Meditation. Auch an göttliche Dinge zu denken ist keine Meditation, denn Meditation ist ein Zu­stand, in dem es keine Gedanken gibt. Me­­di­ta­tion geschieht, wenn man durch die Lü­cke zwischen zwei Gedanken hindurchgelangt. In der Geschichte wollte die Mutter, dass ihre Söhne durch die Lücken gehen, die sich im Ver­kehrs­­fluss ergeben. Auch der Lehrer geht geschickt durch die Lücken auf die andere Seite. Eine Lü­cke zwischen zwei Fahrzeugen, zwischen zwei Gedanken führt uns zu dem Einen Selbst. Einige Meister nennen diese Lücken ‚Zwi­schen­stü­cke‘ oder ‚Zwischenräume‘. Sie exis­tie­ren zwi­schen Einatmung und Ausatmung, zwi­schen Nacht und Tag, Tag und Nacht, Schlaf und Auf­wa­chen, Wach­zu­stand und Schlaf. Symbo­lisch wird gesagt, dass man nur in den Tempel eintreten kann, wenn man zwischen den beiden Säulen hindurchgeht. 

Deshalb dient die tägliche Meditation dazu, die Gedanken zu beobachten und durch die Lü­cken zwischen den Gedanken zu schlüpfen oder die Gedanken so lange zu beobachten, bis alle aufgebraucht sind. Wenn man sehr lange Zeit sitzt, erschöpfen sich alle Gedanken, genauso wie irgendwann in den 24 Stunden eines Tages keine Fahrzeuge mehr fahren. Dann kann man die Straße sehen, man kann die Lücke sehen, und man kann die andere Seite sehen. Wenn es kein gedankliches Verkehrsaufkommen gibt, kann man den Weg sehen, auf dem man zur an­de­ren Seite gelangt.

 

Übung und Geduld

Jede Übung braucht Geduld. Ohne Geduld kann man weder in dieser Welt noch später in der anderen Welt etwas erreichen. Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer ungeduldig ist, schei­tert. In jedem theologischen System ist To­le­ranz das erste Gebot. Kshamâ heißt es in der Mahâ­bhâ­­rata, und Mose verkündet To­le­ranz als erstes der Zehn Gebote. Geduld, Tole­ranz, Nach­sicht sind Qualitäten, die in der Per­sön­lich­keit Tiefe ent­wickeln. Menschliche Misserfolge sind auf das Fehlen dieser Qualitäten zurückzuführen. Doch wenn man erfolgreich sein will, werden sie in jedem Lebensaspekt gebraucht. 

Auch die Rückbesinnung auf das Ich Bin braucht Geduld. So regelmäßig wie möglich sollte man sich an das Ich Bin erinnern, das die eigene Persönlichkeit überragt. Diese Erinne­rung muss so lange geübt werden, bis man im Ich-Bin-Zustand Stabilität erreicht hat. Erst dann kann man als ‚Seiender‘ bezeichnet werden. Vor­her ist man ein Wesen, das durch Tun be­grenzt ist, und man ist im Allgemeinen ein ‚Tuen­der‘ und kein ‚Seiender‘.

Ein ‚Seiender‘ zu sein, bedeutet, Ich Bin zu sein. Ich Bin ist ein Status des Seins, der in kei­nem Zusammenhang mit der Umgebung, mit der eigenen Natur, der eigenen Gestalt und dem eigenen Namen steht. Es ist ‚Sein‘ als sta­ti­sche Energie. Durch Zeit und Ort stellt man eine Be­zie­hung zu einer Handlung her. Nach­dem die Handlung beendet ist, geht man in den Ich-Bin-Bewusstseinszustand zurück. Für einen Voll­en­de­ten ist es natürlich, im Sein zu verbleiben, eine Beziehung zu den umgebenden Ereignissen herzustellen und anschließend zurückzukehren, um wieder Zu Sein. Wenn man in seiner Voll­en­dung fortgeschritten ist, verbleibt man im Sein, auch während man eine Verbindung zur Um­ge­bung herstellt und die Handlungen durchführt, die in die Zeit gehören. Man sagt, dass eine solche Person im natürlichen Samâdhi lebt. Dieser Zustand heißt Sahaja Samâdhi, und die betreffenden Personen werden Sahaja Yogîs genannt. Ihr natürlicher Status ist das Sein.

Es wird erwartet, dass wir in der Meditation das Stadium des Seins erreichen. Okkult nennt man dieses Sein ‚den Kopf über den Schultern tra­gen‘. Das heißt, Ich Bin ist der Kopf, die Per­sön­lich­keit ist der ausführende Körper und Arbei­ter. Wir sollten unseren Kopf immer oberhalb der Schul­­tern tragen. Er sollte nicht im Ober­kör­per stecken bleiben. In diesem Fall wäre der Mensch nur ein mittelmäßiger Denker. Der Kopf sollte auch nicht im Unterkörper sein. Dann wäre man zügel­los und ausschweifend. Die drei mensch­li­chen Stadien werden grafisch wie folgt dargestellt:

1. Ich Bin-Persönlichkeit

2 . durchschnittlicher Mensch

3 . zügellos ausschweifender Mensch 

Jeder von uns muss sehen, wo er steht. Sind wir nur sinnliche Menschen? Sind wir mittelmäßige Denker, die an das eigene Wohl denken und dafür arbeiten? Sind wir Seelen, die die ei­ge­nen Persönlichkeiten leiten?

Fortwährende Rückbesinnung auf das Ich Bin wird uns dahin führen, dass wir Seelen sind, die die Persönlichkeiten leiten. Deshalb empfiehlt Sa­nat Kumâra allen theistischen Schülern, sich da­ran zu erinnern: „Wer bin ich?”

 

… wird fortgesetzt 

 

Entnommen dem Buch

Die Lehren von Sanat Kumara
Edition Kulapati: www.kulapati.de