Gebot 2:

Šraddhâ

Šraddhâ ist die Fähigkeit, die es uns ermöglicht, ‚hier und jetzt‘ zu sein. Lord Sanat Kumâra gibt dies als ersten Schritt zur Selbstverwirklichung, zum Ich Bin. Ohne Šraddhâ können wir nicht viel erreichen. Unser Denken hat die Gewohn­heit herumzuwandern. Wie ein Vagabund, ein Stra­ßenhund oder ein streunender Hund läuft es ziellos hin und her. Es nimmt uns auf einen Flug mit, der kein Reiseziel hat und macht uns zer­streut und geistesabwesend. Das Denken lässt uns nicht sein und nicht tun, was wir eigentlich tun müssten. Es überlässt dem Körper die Arbeit und macht sich auf und davon. Der Körper ist eine Maschine, die die Dinge mechanisch wie ein Roboter erledigt. Wenn das Denken umherwandert, während der Körper aktiv ist, wird die Arbeit nicht in angemessener Weise getan. Folglich werden wir nicht von ihr erfüllt, weil wir nicht auf sie konzentriert sind. Unser Bewusstsein ist nicht anwesend, und daher bekommen wir nicht die entsprechende Er­fah­rung. Viele Leute suchen sich wohlschmeckendes Essen aus, und dann sind sie mit Reden beschäftigt, während sie essen. So verlagert sich die Aufmerksamkeit vom Essen zu dem Gesprächsthema, und sie essen mechanisch. Da­durch erleben sie nicht den Geschmack der Nah­rung. Wenn wir nicht bewusst essen, entgeht uns das Erlebnis des Essens, und wir essen auch nicht die erforderliche Menge. Dann neigen wir dazu, zu viel oder zu wenig zu essen, aber nicht so viel, wie wir tatsächlich brauchen. Wenn wir nicht bewusst essen, kann die Lebenskraft nicht wir­kungs­voll arbeiten. Sie sorgt für die As­si­mi­la­tion der Nah­rung im Körper. Viele Leute unter­hal­ten sich beim Essen. Folglich fehlt ihnen das Erleben des Essens. Ähnlich ist es, wenn wir Mu­sik einschalten und nach ein paar Minuten zu reden anfangen. Die Musik erreicht zwar das Ohr der Hörer, aber die Hörer sind nicht da. Sie sind woanders beschäftigt. Schließlich ist die Musik zu Ende, und wir haben die Musik nicht wirklich er­lebt.

 

Sei jederzeit bewusst

Genauso ist es beim Sehen: Der Mensch sieht nicht wirklich, da der Sehende beim Hinschauen nicht restlos anwesend ist. Er hört, aber er hört nicht. Er isst, aber er isst nicht. Er spricht, aber er hört seinen eigenen Worten nicht zu. Würde er dem, was er sagt, richtig und vollständig zuhören, dann würde er keinen Unsinn reden. Der Mensch ist eine Bewusstseinseinheit, aber er ist nicht bewusst anwesend, wenn er spricht. Er ist nicht bewusst anwesend, wenn er hört. Er sieht nicht bewusst, er isst nicht bewusst. Die meisten Dinge tut er mechanisch. Der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Maschine ist, dass der Mensch bewusst ist und die Maschine nicht. Er ist das Bewusstsein, und deshalb hat er die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen. Wenn das Bewusstsein nicht anwesend ist, fehlt auch die entsprechende Erfahrung.

Das Denkvermögen muss trainiert werden, ‚hier und jetzt‘ zu sein. Dies ist eine Disziplin und eine Übung. Von den kleinsten bis zu den großen Handlungen muss man lernen, bewusst gegenwärtig zu sein. Wenn man bewusst an­we­send ist, gibt es ununterbrochene Erfah­rung. Es ermöglicht sogar die Kontinuität des Bewusst­seins, wenn man in den verschiedenen Hand­lungs­rei­hen während des Tagesablaufs präsent ist.

Sei präsent bei allem, was du tust. Sei bei je­­der Handlung konzentriert und aufmerksam. Dies ist der Weg, um Zu Sein. Das menschliche Be­wusst­sein sitzt in den Schichten des Denkens. Wenn das Denken vollständig präsent ist, dann ist der Mensch präsent. Ist das Denken nicht ganz präsent, dann ist auch der Mensch nicht präsent, und die Arbeit geschieht mechanisch. So vermittelt sie keine Erfahrung. Wir sollten daher für die Anwesenheit des Denkvermögens sorgen, denn das ermöglicht uns, die Essenz der Aktivität zu genießen. Die Aktivität selbst ist das Schöne, nicht die Ergebnisse. Leider plant der Mensch die zukünftigen Ergebnisse und ver­passt dabei die Ak­ti­vi­tät in der Gegenwart. Ergebnis­orien­tierte Handlun­gen sind voller Anspannung. Aufmerksam durch­­ge­führte Handlungen sind vol­ler Freude. Die Hand­lungen selbst machen Freude. Ein Meis­ter der Weisheit sagt: „In der Aktivität selbst sind die Freude, Ruhe und Erho­lung enthalten, und die Ak­ti­vi­tät erfrischt.”

 

Bringe himmlisches Glück auf die Erde

ei ganz konzentriert und aufmerksam, wenn du dir morgens die Zähne putzt. Freue dich am Duft der Zahnpasta, sieh dir deine schönen und pflichtgetreuen Zähne an. Ohne sie kannst du nicht essen und nicht herzlich lächeln. Wenn du das Zähneputzen genießt, kannst du den Tag freudig beginnen. Genauso sollte es auch sein, wenn du dich duschst. Sei beim Duschen bewusst anwesend. Spüre das Leben des Wassers, die Schönheit deiner kostbaren Seifen und Cre­mes. Du solltest ohne Eile duschen. Wenn du weißt, wie du voll konzentriert und aufmerksam sein kannst, während du etwas tust, kannst du himmlische Zufriedenheit zur Erde bringen. Sei genauso aufmerksam, während du deine Kleidung aussuchst und anziehst, um dich an ihr zu freuen, wenn du sie trägst. Das Gleiche gilt für das Anlegen der Uhr, des Schmucks und für das Anziehen der Schuhe. Schau sie an, sprich zu ihnen und lächle sie an, während du sie anlegst bzw. anziehst. Auf diese Weise trainierst du dein Denken, hier und jetzt zu sein. Ein Denken, das lernt, im Hier und Jetzt zu sein, hat enorme Wahrnehmungskraft. Deine Wahrnehmungen sind schärfer, und du lernst schneller. Du bist wie ein angespitzter Pfeil, der jede Situation durchdringen und Lö­sun­gen wahr­nehmen kann. Durch ein solches Den­ken kann In­tuition fließen, weil es ganz und gar aufmerksam ist.

 

Sei ganz und gar aufmerksam

Ein vollständig aufmerksames Denken wird mit einem edlen, reinrassigen Hund verglichen. Sa­ramâ heißt der erhabenste Hund, der mit er­staun­licher Wachsamkeit über unser Sonnen­sys­tem wacht. Saramâ ist Cerberus, Cerberus ist Sirius. Hunde gelten als die wachsamsten Tiere. Edle Hunde sind immer wachsam. Sie hören weiter und wittern schneller. Ein durch Šraddhâ ge­schärf­tes Den­ken ist konzentriert, aufmerksam und stets be­reit wahrzunehmen. Seine Antennen ra­gen in alle 360 Richtungen. Nur hohe See­len haben ein derart entwickeltes Denken. Mensch­li­ches Denken geht nur in eine Richtung, das Meis­ter-Den­ken ist viel­dimensional. 

Die Fähigkeiten des Denkens erreichen ihren höchsten Stand, wenn man Šraddhâ erlernt. Nur mit solch aufmerksamem Denken kann man nach göttlichem oder weltlichem Wissen stre­ben. In der Bhagavad Gîtâ sagt Krishna:

Sraddhavan labhate Jnanam.

Das heißt, nur Personen, die ein aufmerksames Denken, ein Šraddhâ-Denken, haben, können sich Wissen aneignen.

Patanjali bezeichnet diesen Zustand als Âsana. Er definiert Âsana als einen Status stabi­len und angenehmen Den­kens. Ein edler Hund be­wahrt immer eine bequeme Hal­tung, die gleich­zeitig sehr, sehr, sehr wachsam ist. Erst nachdem man dies erreicht hat, gibt Patan­jali das Prânâ­yâma als vierten Schritt. Auch Lord Krishna spricht von Šraddhâ als Grund­vo­r­aus­­set­zung für die Jün­ger­schaft. Lord Sanat Ku­mâra unterweist uns, dass wir Šraddhâ kultivieren müssen, um auf dem Jün­ger­­schafts­weg Fort­schritte machen zu können.

 

Sei in allem äußerst genau

Sei äußerst genau in allem, was du tust. Sei nicht nachlässig. Du kannst nicht in manchen Dingen sehr genau und in anderen Dingen nachlässig sein. Wenn du bei der Arbeit sorgfältig bist, dann ist die konzentrierte Aufmerksamkeit da, das Bewusstsein ist da, du bist da. Neigst du bei irgend­einer Tätigkeit zur Nachlässigkeit, dann ent­fernst du dich selbst aus diesem Zustand und bist nicht mehr aufmerksam. Die Energie, die du durch die sorgfältigen Handlungen aufbaust, wird durch dein nachlässiges Verhalten neutralisiert. Deshalb wird in der Jüngerschaft empfohlen: „Sei äußerst genau, während du etwas tust, sei aufmerksam, während du dich ausruhst und Sei einfach nur, während du schläfst.”

 

Vorlieben und Abneigungen

Es ist normal, dass Menschen manche Dinge mö­gen und andere Dinge nicht mögen. Norma­ler­weise neigen sie nicht zur Sorgfalt, wenn sie etwas tun, was sie nicht mögen. An dieser Stelle gibt es eine Lücke, einen rutschigen Untergrund, auf dem die Schüler dazu tendieren abzustürzen und zu scheitern. Lehne eine Arbeit aufgrund deiner Vorlieben und Abneigungen nicht ab. Unterscheide die Arbeit nach dem, was man tun und nicht tun sollte. Was du zu tun hast, das solltest du gern tun, und lass sein, was du nicht tun musst. Strukturiere den Gedanken, dass du bestimmte Dinge ‚tun musst‘, um in ‚ich tue es gern‘. Ersetze ‚ich muss‘ durch ‚ich möchte‘. Durch diese Umstrukturierung des Ge­dan­kens gibt es eine Veränderung in der inneren Einstellung. Eine Hausfrau sagt: „Ich muss das Geschirr abwaschen.” Ihr täte es gut, diesen Ge­dan­ken neu zu ordnen in: „Ich wasche gern ab.” Vielleicht kann sie ihn sogar noch besser um­bauen und denken: „Ich mag es, wenn mein Mann abwäscht.”

Vom Humoristischen kommen wir nun zum Hauptstrom der Lehre zurück: Weiche der Arbeit nicht aus, weil du sie nicht magst, sondern unter­scheide im Hinblick auf das, was man tun und was man nicht tun sollte. Was auch immer dein Los ist, das du zu erfüllen hast – erfülle es gern. Dann kannst du aufmerksam und bewusst sein und dadurch wachsam und kon­zen­triert bleiben. Das ist der Weg, um hier und jetzt zu sein.

 

Die Wissenschaft des Gegenwärtig-Seins

Die Wissenschaft des Šraddhâ wird Ašwa Vidyâ genannt. Ašwa Vidyâ bedeutet ‚Pferde-Wissen­schaft‘. Im Sanskrit heißt das Pferd Ašwa. Aber Ašwa bedeutet auch ’nicht Zukunft und nicht Vergangenheit‘. Was haben wir, wenn weder die Zukunft noch die Vergangenheit gemeint ist? Die Gegenwart. So ist die wahre Bedeutung von Ašwa Vidyâ: ‚die Wissenschaft, in der Gegenwart zu sein‘. Jeder Meister der Weisheit vermittelt den ernsthaft strebenden Schülern als erstes diese Wis­sen­schaft. Solange die Schüler nicht lernen, im Hier und Jetzt zu leben, wird kein Wissen weitergegeben. Ein herumwanderndes Denken mag sich begeistern können, aber es bleibt nicht fortwährend in der Gegenwart. An rollenden Steinen bleiben immer mehr Sand- und Erdpartikel hängen. Dadurch werden sie zwar schwer, aber sie sind weder für sich selbst noch für andere von Nut­zen. Wer hier und da nach Wissen sucht, von Ort zu Ort geht, gewinnt so lange kein wahres Wis­sen, bis er bereit ist, sich selbst zu erziehen. Schü­ler sollten offen dafür sein, sich zu verändern, zu lernen, und sie sollten lernen, sich zu verändern.

Geduld (Kshamâ) und bewusstes Handeln (Šraddhâ) sind die beiden fundamentalen Vor­gehensweisen in der Jüngerschaft.

Arjuna, der große Krieger und Eingeweihte von edler Geburt, wurde zuerst in Ašwa Vidyâ unterrichtet, das heißt er lernte, hier und jetzt gegenwärtig zu sein, sich der gegebenen Situation voll bewusst zu sein. Aufgrund seines Wissens, wie man zuallererst vollständig bewusst hier und jetzt ist, war er der beste Bogenschütze seiner Zeit. Als er noch ein Kind war, wurde er aufgefordert, Pfeil und Bogen zu nehmen und auf das Auge eines abgebildeten Vogels zu zielen. Das Bild war an einem entfernten Baum angebracht. Arjuna zielte auf das Auge des Vogels. Sein Lehrer fragte ihn: „Was siehst du?” Arjuna sagte: „Das Auge.” „Siehst du nicht den Vogel?”, fragte der Lehrer. „Nein”, antwortete Arjuna, „ich sehe nur das Auge, weil es das Ziel ist.” Der Lehrer fragte: „Siehst du nicht den Baum oder den Ast, an dem das Bild befestigt ist?” Arjuna sagte: „Ich sehe nicht den Baum, ich sehe nicht den Ast, ich sehe nicht den Vogel. Dies alles habe ich gesehen, bevor ich auf das Auge zielte. Jetzt ist mein Blick allein auf das Auge gerichtet.” Da sagte der Lehrer: „Schieße den Pfeil ab.”

So traf der allererste Pfeil, den Arjuna in seinem Leben abschoss, direkt in das Auge des Vo­gels. Dies zeigt Arjunas Qualität, seine konzen­trierte Aufmerksamkeit und den Status seines Šraddhâ. So war er bei allem, was er tat, egal ob die betreffende Handlung groß oder unbedeu­tend war. Diese Aufmerksamkeit ist gefordert, wenn man edle Taten im Leben vollbringen möchte.

Für alle Suchenden, die zur Seele und zur eigenen Umwandlung streben, um sich selbst zu verwirklichen, ist Šraddhâ daher sehr wichtig. 

 

Sieh das Eine Bewusstsein in allem

Šraddhâ ermöglicht uns, das Eine Bewusstsein in allem zu sehen. Bewusstsein ist in allem, was Ist. Es existiert als salzige Natur im Salz, als süße Natur im Süßen. In allem, was wir sehen, ist es die aktive Intelligenz. Wir brauchen Šraddhâ, um mit der aktiven Intelligenz in den Din­gen und Wesen Ver­bin­dung aufzunehmen. Wenn wir Šraddhâ ha­ben, können wir uns den ganzen Tag über daran erinnern, dass wir Ich Bin sind. Auf diese Weise können wir nicht von der Per­sön­lich­keit verschlungen werden. Wir vergegenwärtigen uns, dass wir die Seele sind und sehen die Seele in den anderen. Seele ist eine andere Bezeichnung für das Bewusstsein in einer Form. Wenn wir dieses Be­wusst­sein sehen, können wir eine Verbindung zu ihm herstellen, mit ihm arbeiten und kommuni­zieren. Auf diese Weise können wir im Licht arbeiten. Arbeit und Kommunikation im Licht ist die grundlegende Ausbildung, die ein Meister seinen Schülern ver­mit­teln möchte. Normalerweise sehen die Schü­ler die Formen, die Umhüllungen, von denen das Licht des Bewusstseins umgeben ist. Sie se­hen Klang, Farbe, Form, Name und viele an­dere Dinge, aber nicht das individuelle Bewusst­sein. Šraddhâ ist der Schlüssel, durch den es uns mög­lich ist, das Bewusstsein zu sehen und zu sein, hier und jetzt zu sein. Um das Sein in anderen se­hen zu können, muss man vollkommen be­wusst sein, und dies können wir nicht durch Wunsch­­den­ken erreichen. Wir müssen es üben, mit viel Geduld üben. Ohne Geduld können wir diesen Weg nicht gehen. 

Jeden Tag können wir uns bemühen, das Licht des Bewusstseins in den Formen zu sehen, die uns umgeben. Wir sollten prüfen, wie weit wir uns in allen Dingen, mit denen wir im Laufe des Tages zu tun haben, auf das Licht des Be­wusst­seins besinnen. Jeder Tag ist eine Seite im Buch unseres Lebens, und jede Seite sollte gut geschrie­ben sein. Jedes Jahr ist ein Kapitel. Wenn wir keine Geduld haben, können wir Šraddhâ nicht ausüben, und wenn wir Šraddhâ nicht gewinnen, können wir uns nicht in Licht umwandeln.

 

Das Eine Universale Bewusstsein

Soweit wir das Bewusstsein in uns und in allem sehen, was uns umgibt, erkennen wir auch, dass es nur Bewusstsein gibt und dass es nur ein Bewusstsein ist, das aus der reinen Exis­tenz hervorkommt. Wir werden fühlen, dass dieses Bewusstsein universal ist. Von den The­o­lo­gien wird es Gott genannt. Das Uni­ver­sale Bewusstsein existiert in allem, auch im Men­­schen.

Der Mensch existiert in Gott, und Gott existiert im Menschen. Gott im Menschen wird Nâ­râ­yana genannt, und der Mensch in Gott ist Nâra. Beide sind miteinander verbunden, und durch regelmäßige Rückbesinnung auf Das Bin Ich müssen wir diese Verbindung erkennen. Das Uni­ver­sale Bewusstsein Nârâyana wird Das und das individuelle Bewusstsein wird Ich Bin genannt. Wenn beide miteinander verbunden sind, ist das Ergebnis Das Bin Ich. In Wahrheit existiert das Universale Bewusstsein in einem einzelnen Menschen als individuelles Bewusstsein. Die tägliche Rückbesinnung lautet daher nicht nur Ich Bin, wie im ersten Kapitel dargelegt wurde, sondern Das Bin Ich. Das Bin Ich heißt im Sanskrit Soham. Saha und Aham ergeben zusammen Soham. Wörtlich bedeutet es Das Bin Ich. Saha ist Das, Aham ist Ich Bin. 

Regelmäßig singt der Herzschlag das Lied So­ham. Es ist die ‚Musik der Seele‘. Da wir alle See­len sind, täten wir gut daran, uns mit dem Lied der Seele zu verbinden, das uns mit dem Ursprung der Seele, mit der Universalen Seele, verknüpft. Nur Šraddhâ ermöglicht diese Rückbesinnung. Ohne Šraddhâ bleibt dies nur eine Information und wird nicht zur Erkenntnis, auch wenn wir dies alles wissen. Information ist kein Wissen. Wer sich Informationen aneignet, meint klug und wissend zu sein, doch das entspricht nicht den Tat­sachen. Er lebt in einer Illusion. Nur wer gegebene Informationen praktisch anwendet, wird die Wahrheit darin erkennen und sich dadurch selbst im Wissen ansiedeln.

Wenn wir unser individuelles Bewusstsein mit dem Universalen Bewusstsein verbinden und dem Flug eines Vogels zuschauen, werden wir erkennen, dass nur das Bewusstsein aktiv ist. Das Bewusstsein ist aktiv, wenn ein Hund mit dem Schwanz wedelt, wenn uns eine Kuh ansieht, wenn ein Bulle brüllt, wenn ein Mensch spricht, wenn ein Vogel zwitschert usw. Wir sollten zuerst mit dem Bewusstsein Fühlung aufnehmen, später können wir uns mit den weiteren Einzelheiten vertraut machen. Wenn wir einen Hund, eine Kuh, einen Bullen, einen Vogel, einen Mann oder eine Frau sehen, dann müssen wir als erstes das Bewusstsein sehen, das kraftvoll durch die Formen wirkt. Später können wir uns weiter über den Hund, die Kuh usw. in­for­mie­ren. Die erste Verbindung muss zum Be­wusst­sein hergestellt werden, nicht zu den Um­hül­lungen, die das Bewusstsein umgeben. Das Be­wusst­sein ist umhüllt von Klang, Farbe, Form, Name, Nationalität, Religion, Geschlecht, Gesellschaftsklasse, Glaubenbekenntnis, Rasse usw. Wenn das Bewusstsein von so vielen Schich­ten umhüllt ist, kann man nur schwer das Ge­schenk sehen, das in ihnen verborgen ist. Alle Geschenke werden in Geschenkverpackung überreicht. Genauso ist es auch mit dem Be­wusstsein. Es ist mit den entsprechenden Um­hül­lun­gen anwesend. Das Bewusstsein durch die Umhüllungen sehen zu können, ist das Ge­schenk, das Šraddhâ uns überreicht.

Es ist nicht sehr sinnvoll, wenn wir Verehrun­gen oder Rituale durchführen und mit Klang, Farbe und Symbol arbeiten, ohne in Verbindung mit dem Bewusstsein zu stehen. Klang ist nichts anderes als eine Präsentation des Bewusstseins, Farbe ist eine andere Präsentation, und ein Sym­bol ist eine weitere Präsentation. Der Schlüssel zu Klang, Farbe und Symbol wird dem Šraddhâ-Schüler offenbart, da er sich zuerst mit dem Be­wusstsein verbindet, das sich durch den Klang, die Farbe und das Symbol zeigt. Durch diese Ver­bin­dung kann er die Schwingung des Klangs, die Ge­schwindigkeit der Farbe und die geo­me­tri­schen Muster des Symbols verstehen. Dies ist die okkulte Methode.

 

Die universale Bruderschaft

Wenn wir das Eine Bewusstsein in allem sehen, wovon wir umgeben sind, nehmen wir die Bru­der­schaft aller Lebewesen wahr. Bruderschaft ist keine Errungenschaft, sondern eine Wahrneh­mung und eine Erkenntnis. Wenn das Eine Be­wusst­sein die Grundlage aller Lebewesen ist, dann sind all die verschiedenartigen Wesen, die wir sehen, nur aus jenem Bewusstsein hervorgekommen. Alle haben denselben Vater und dieselbe Mutter. Die Bru­der­schaft ist eine Realität. Sie muss nicht beson­ders errungen oder zustande gebracht werden, sondern sie wiederfährt uns. Stehen wir erst ein­mal in ununterbroche­ner Verbindung mit dem Be­wusst­sein, dann sind alle Wesen eine uni­ver­sale Gruppe von Brü­dern. Deshalb spricht man von der universa­len Bruderschaft. Hat man die Universalität der Bruderschaft er­kannt, dann ist es nicht schwer, sie auch in klei­ne­­ren Gruppen zu verwirklichen. Wir brauchen keine Abgrenzungen um uns und unsere Gruppe aufzubauen. Allein aus Verblendung ent­wi­ckeln die Leute das Ge­fühl, es sei ‚ihre‘ Gruppe. Da die Illusion vorherrscht, weiten die Men­schen ihre Besitzgier von ihrer Person auf ihre Gruppen aus. Es ist nur die Ausweitung des Besitz­anspruchs, aber nicht des Bewusstseins, wenn man das Empfinden hat, es ist ‚meine Gruppe, deine Gruppe, seine Gruppe‘. Es gibt nur eine Gruppe, und sie besteht aus al­len Le­be­wesen des Universums. Wir müssen un­ser Ver­ste­hen und Einbeziehen erweitern. Wir dür­fen es nicht auf uns selbst begrenzen. Šraddhâ führt uns zum universalen Gewahrsein.

 

Grenzt nicht ab – es gibt nur einen Inhalt

Lasst uns Ein Universum, Einen Herrn, Ein Be­wusst­sein, Eine Existenz empfinden und uns mit der großartigen Erhabenheit des Einsseins verbinden. Aus Gewohnheit bauen wir Mauern um uns und haben dann das Gefühl, dass wir der Mittelpunkt sind. Jeder erschafft einen Kreis­um­fang und bleibt ein Mittelpunkt, ohne zu wissen, dass er der Kreisumfang von etwas an­de­rem ist. Wenn wir Mauern um uns bauen, dro­hen wir durch die Begrenzung zu ersticken. So viele Gruppen und Organisationen leben in der Ver­blen­dung ihrer speziellen Iden­tität, während es in Wahrheit nur eine Identität, nur eine Wesenheit gibt. Dieses Eine Wesen hat in vielen Gruppen so viele Namen bekommen. Die Grup­pen machen Unterschiede, um anders zu sein und möchten sich durch ihre eigenen Na­men und Formen aus der Einheit lösen und absondern. Manche Gruppen nennen jenes We­sen ‚den Meister‘, manche nennen es Bâbâ, man­che nen­nen es Swâmi, manche nennen es Chris­tus, Krishna oder Râma usw. Indem die Men­schen an den Namen festhalten, verpassen sie den In­halt. Nur die Namen bleiben, und der In­halt geht verloren. Es gibt nur einen Inhalt: Er ist innen und außen, oben und unten, auf jeder Seite und rundum. Durch Šraddhâ können wir den Inhalt be­obachten, erkennen und dabei die Glück­selig­keit fühlen, die er mit sich bringt.

Am Ende dieser zweiten Unterweisung des Herrn rufe ich uns Folgendes in Erinnerung: 

1. Das ist die Wahrheit. 

2. Das Bin Ich ist das Herabkommen jener Wahr­heit als Ich Bin.

3. Rückbesinnung auf Das Bin Ich ist die grundlegende Übung.

4. Šraddhâ ist der Schlüssel zu dieser Übung.

5. Wir brauchen Geduld beim Üben, viele Jahre lang Geduld. Ungeduldige Personen er­hal­ten keinen    Zutritt zum Wissen.

… wird fortgesetzt

 

Entnommen dem Buch

Die Lehren von Sanat Kumara
Dhanishta Verlag: dhanishta.org