Gebot 3:

Der Zweck des Lebens

(Den Herrn zu erreichen sollte der Rhythmus des täglichen Lebens werden – das Ritual des Le­bens)

Es ist der Zweck des täglichen Lebens, den Herrn zu erfahren. Dann wandelt sich der Ab­lauf des täglichen Lebens zu einem Ritual. Ri­tu­ale vermitteln die magnetische Wirkung des Rhythmus. Das Ziel des menschlichen Le­bens ist das Eins-Sein. Wir können es durch eine Übung er­rei­chen, mit deren Hilfe wir den Herrn in den täg­li­chen Ereignissen des Lebens wahr­neh­men. Da­durch wird es uns möglich, in jedem Au­gen­blick höchste Glückseligkeit zu er­leben. Jeder­zeit glückselig zu sein, ist das ge­steckte Ziel. Die­sen glückseligen Zustand nennt man auch die Er­kennt­nis Gottes bzw. der Wahr­heit. Gottes­er­kennt­nis bedeutet: Erkennen der Wahr­heit der Ei­nen Existenz, Realisierung der Einen Exis­tenz, des Einen Bewusstseins und seiner Ar­beit bis ins Einzelne. Um diese Er­kennt­nis sollten sich die Menschen bemühen. Die mensch­li­chen Seelen suchen nach Glück, und diese Suche endet, wenn wir erkennen, dass wir selbst das Glück sind und dass wir ent­spre­chend unserer Veranlagung das Glück in uns finden können. Das innere Glück nennen wir Freude, und in den inneren Räumen der Freude ist die Glückseligkeit. Wenn wir tief in den Ursprung unseres Denkens eintauchen, ent­de­cken wir uns im Licht von Buddhi, das voller Freude ist. Weisheit ist der buddhische Zu­stand, der voller Freude ist. Von Buddhi aus verstehen wir die Natur und ihr kompliziertes Werk jenseits der scheinbaren Konflikte. Des­halb herrscht die Freude vor, wenn wir unsere Suche in die inneren Räume der Freude ausweiten, das heißt, wenn wir die Quelle des bud­dhi­schen Lichts suchen. Wir entdecken uns als Bewusstseinseinheit. Jede Seele ist eine Be­wusst­seinseinheit, in der reines Wissen eingebettet ist. Jede Seele kommt aus dem Bewusstseinspool her­vor, den wir Universales Be­wusst­sein nennen. Wenn wir dies erkennen, wird unsere Freude grenzenlos, weil wir erkennen, dass die Seele, die Bewusstseinseinheit, aus dem Universalen Be­wusstsein hervorkommt, das gren­zenlos ist. Das Universale Bewusstsein entsteht aus der Exis­tenz, die ebenfalls grenzenlos ist. Die Erfahrung all dieser Stadien auf einem Weg der Disziplin nennt man Yoga oder Jün­ger­schaft. Wenn wir das Eine Bewusstsein und die Eine Existenz erkennen, leben wir in der höchsten Glückseligkeit. Dieses Potential haben wir als Men­schen. 

 

Erkenne Gott

„Gott erschuf den Menschen nach seinem Bild”, sagt die Bibel. „Der Mensch ist Gottes Eben­bild”, sagen die Veden, „der Mensch ist der Mi­kro­kos­mos, während Gott der Makrokosmos ist.” Alles, was in Gott ist, das ist potentiell auch im Menschen vorhanden. Der Mensch kann sich in einen Gott-Menschen, in einen Got­tes­sohn, um­wandeln, indem er sich einem be­stimm­ten Prozess unterzieht. Zu allen Zeiten ga­ben die Se­her den Rat: „Mensch, erkenne dich selbst.” Bei diesem Bemühen lernt er den Mi­kro­­kos­mos und den Makrokosmos zu verstehen. Die An­we­­sen­heit von Lord Sanat Kumâra auf unserem Pla­neten soll dazu dienen, dieses Ziel jedes Men­schen zu erfüllen, damit jeder sich ent­wi­ckeln und Gott erkennen kann. Aus diesem Grund lautet die dritte Lehre: „Den Herrn zu erreichen sollte der Rhythmus des täglichen Lebens werden – das Ritual des Lebens.” Sanat Kumâra sagt: „Erlebe den Herrn in jeder Hand­lung und in jedem Dialog. Erlebe ihn von Augen­blick zu Augenblick. Verpasse nicht einen Moment.” Große Eingeweihte wie Nârada, Jesus Christus und andere verhalten sich dement­spre­chend, auch in unserer Zeit. Von einem Meister der Weisheit wird Jüngerschaft dargestellt als ‚das Befolgen eines Trainings, durch das man als Seele und nicht als Persönlichkeit lebt‘. Als Seele zu leben und die Eine Seele im Inneren und ringsum zu erleben, wird als dritte Lehre von Sanat Kumâra gegeben. In jüngster Zeit machte und durchlebte Šrî Aurobindo diese Erfahrungen. Alles Leben war für ihn Gott, und alle Ereignisse waren göttlich. Als er im Gefängnis war, sah er nicht das Gefängnis. So­gar den Gefängniswärter sah er als Gott. Es war für ihn eine verblüffend freudige Erfahrung. Jedem Aspiranten wird drin­gend empfohlen, die Erleb­nisse, die Šrî Auro­bindo im Gefängnis von Alipore machte und die von ihm aufgeschrieben wurden, zu lesen. Es ist eine Bestätigung für jeden Aspiranten, dass jeder Mensch dies erfahren kann. 

In den Veden heißt es: „Der Mensch sieht Gott und sieht ihn nicht. Der Mensch hört Gott und hört ihn nicht.” Wenn wir einander sehen, haben wir Augenkontakt. Von Auge zu Auge wird Bewusstsein übermittelt. Das Auge an sich kann nicht sehen. Der Sehende sieht durch das Auge. Wenn wir von Auge zu Auge sehen, treten wir mit dem Sehenden in der anderen Person in Kontakt. Der Sehende in uns und in der anderen Person ist ein und derselbe. Es ist ein individua­li­siertes Bewusstsein, das ein anderes individu­a­li­siertes Bewusstsein sieht, aber beide sind nur Bewusstsein. Genauso ist es beim Sprechen und Zuhören. Es ist nur ein Klang, der aus einem Bewusstsein hervorkommt und von einer an­­de­­ren Bewusstseinseinheit aufgenommen wird. Alle Aktionen und Übermittlungen sind nur Tätig­kei­ten und Vorgänge des Bewusstseins. Wenn wir in diesem Gewahrsein leben, ist unser Tag mit Er­fah­rungen des Bewusstseins gefüllt, dessen anderer Name ‚Gott‘ ist.

 

Das Eine Bewusstsein in allen Formen

Der erste Schritt ist, das Eine Bewusstsein in allen Formen zu sehen. Der Versuch, das Eine Bewusstsein in allen Verhaltensvarianten zu sehen, ist der zweite Schritt. Und der dritte Schritt ist die Wahrnehmung, dass nur das Bewusstsein in Tätigkeit ist. Dies ist die Reihenfolge der praktischen Übungen, die von der Bhâgavata Purâna vorgeschlagen werden. Form und Verhalten der belebten Formen sind die zwei Schleier des Be­wusstseins. Der erste Schritt besteht darin zu ver­ste­hen, dass vom Universum bis zum Atom alle Formen Gottesformen sind. Alle For­men­bil­dun­gen haben ihren Ausgangspunkt in dem Einen Bewusstsein. Mit Hilfe der Wissenschaft kann man dies heute besser erkennen, auch wenn es den Sehern früher schon bekannt war. Die gewaltige Aktivität innerhalb des Atoms ist heute eine anerkannte Tatsache, während es früher eine erkannte Wahrheit war. Das Elektron, das Proton und das Neutron entwickeln eine gewaltige Aktivität. Wenn ein Atom gespalten wird, setzt es unvorstellbare Energie frei, die jedoch nichts anderes ist als die Energie des Be­wusst­seins. Das Proton ist das positiv geladene Elementarteilchen, das Elektron ist das negativ geladene Elementarteilchen, und das Neutron ist neutral. Nach dem Verständnis der Menschen in alter Zeit stellen diese Drei das grundlegende Dreieck der Schöpfung dar, aus dem alle Formen gebildet werden. 

Alle Formen, die man sieht, sind nur Anhäu­fun­gen von Atomen. Die Formenbildungen be­ru­hen auf elektromagnetischen Strukturen. Un­ter­schied­liche Strukturen führen zur Bildung un­ter­schiedlicher Formen. Die Strukturmodelle sind unsichtbar. Die Verschiedenartigkeit aller Mo­delle ist jedoch ein anderes Thema. Trotzdem gibt es hier wiederum drei Aspekte: das elektro­magne­tische Feld, die elektromagnetischen Struk­tu­ren und die Formen. In den Schriften wird das elektromagnetische Feld ‚Bewusstsein‘ genannt. Somit ist das Bewusstsein die Grundlage aller Formen. Daher gilt jede Form als eine Form des Bewusstseins. Das ist der erste Schritt.

 

Sieh hinter das Verhalten in den belebten For­men

Der zweite Schritt besteht darin, das Verhalten in den belebten Formen zu sehen. Dafür benötigen wir weitaus größere Geduld und Šraddhâ. Das Verhalten belebter Formen greift uns schnell an, und es gelingt uns nicht zu erkennen, dass es nur ein Verhaltensmuster ist. Hinter dem Mus­ter steht das, was jedes Verhalten hervorbringt: das Bewusstsein. Diese Beobachtung ist ziemlich schwierig. Unbelebte Formen treten in keinen Dialog mit uns. Deshalb ist es leichter, das Eine Bewusstsein in allen unbelebten Formen zu sehen, aber in den belebten Formen gibt es das sichtbare Verhalten. Be­stimmte Verhaltensweisen sind uns angenehm, und andere Verhaltensweisen sind unangenehm. Somit werden wir von der Dualität beeinträchtigt. Dadurch misslingt es uns, fortwährend das Eine Bewusstsein zu sehen. Aus diesem Grund brauchen wir viele Jahre, bis wir das Eine Bewusstsein wahrnehmen, das hinter der Vielfalt der Verhaltensmuster steht. An dieser Stelle brau­chen wir einen Lehrer, der die Fähig­keit demonstriert, das Eine Bewusstsein zu sehen, indem er die Dualitäten des Verhaltens überwindet. Er bleibt gelassen und im Gleich­ge­wicht. Somit ist er in der Lage, neutral zu bleiben und sich nicht durch akzeptable und unakzeptable Verhaltensweisen beeinflussen zu lassen.

 

Ist es notwendig, einen Lehrer zu haben?

Oft fragen Leute: „Ist es notwendig, einen Lehrer zu haben, damit man die Wahrheit erkennen kann?” Für sie lautet die Antwort ‚Nein‘. Bis wir zur zweiten Stufe der Jüngerschaft gelangen, gibt es in uns kein Verlangen nach einem Lehrer. Es entsteht auf natürliche Weise, nachdem wir in eine Sackgasse geraten sind. Wenn wir in eine Situation geraten sind, aus der wir nicht mehr herauskommen, brauchen wir jemanden, der uns heraushilft. Ausweglose Situationen sind für niemanden akzeptabel. Daher wird in diesem Moment nach Hilfe gesucht. Lehrer sind nur für jene erreichbar, die hilflos nach einer Möglichkeit suchen, um weiterzukommen. Wer sich selbst hilft, den lässt man weitergehen, bis er hilflos wird. Nur in kritischen und hilflosen Situationen kommen die Lehrer zu Hilfe. Sie stehen nicht zur Verfügung, um bei jeder Kleinigkeit zu helfen.

Ein Beispiel zu geben gilt immer als der bes­­sere Weg des Lehrens. Wenn jemand eine Lehre durch sein Leben verkörpert, wird sie vom Schü­ler besser verstanden. Aus diesem Grund wird sie vom Lehrer in Zeiten der Krise veranschaulicht, und er tut dies mit Leichtigkeit und Ge­schick. Der Schüler wundert sich darüber, aber er wird inspiriert zu folgen.

Wir folgen dem Lehrer, indem wir ihn genau beobachten. Genaues Beobachten ist nur möglich, wenn wir uns Geduld und Šraddhâ aneignen. Es sieht so aus, als würde der Lehrer nichts zeigen. In seiner Darstellung ist er subtil, unaufdringlich und unauffällig. Nur oberflächliche Per­so­nen stellen bewusst etwas dar. Je tiefer wir im Wissen leben, desto natürlicher und normaler bleiben wir. Ein wahrer Lehrer ist natürlich, nor­mal und stellt nichts zur Schau. Unauffällig stellt er dar, wenn er mit anderen spricht oder arbeitet. Wenn er sich einer Aktivität widmet, sind Tu­gen­den im Spiel. Mitgefühl, Zufriedenheit, Ver­ste­­hen, Liebe, Wissen, Freundlichkeit und weitere Tu­genden treten spontan hervor. Die Jünger haben die Absicht, Tugenden zu praktizieren, doch dies ist ein mühsames Verfahren. Wenn sie sich der Beobachtung des Bewusstseins widmen, finden sich die Tugenden bei ihnen ein. Es gibt eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass sich die Tugenden bei uns einfinden, statt dass wir hin­ter ihnen herlaufen. Genauso laufen die Un­tu­gen­den weg, wenn wir dem Bewusstsein mit Hilfe der Beobachtung näher kommen. Nur die Un­wis­senden bemühen sich, Ärger, Gereizt­heit, Miss­gunst, Hass, Stolz und Vorurteil loszuwerden. 

 

Beobachtung ist der Schlüssel

Aus diesem Grund sagt Lord Sanat Kumâra: „Macht euch keine Sorgen und überanstrengt euch nicht bei dem Versuch, euch Tugenden anzueignen. Strengt euch auch nicht an, um die Un­tugenden loszuwerden, denn dieser Weg ist voller Schwierigkeiten. Stattdessen stellt durch Beobachtung des Göttlichen in den belebten und unbelebten Formen eine Verbindung her.” Wer sich dieser Praxis mit Geduld und Šraddhâ widmet, überwindet sogar die Dualität. Dies ist ein eigener Schlüssel, der normalerweise übersehen wird. 

Beobachtung ist der wahre Schlüssel. Ein an­de­res Wort dafür ist ‚Zeuge sein‘. Wir müssen ge­duldig und gewillt sein, das Bewusstsein zu be­ob­achten. Langsam werden wir dann entde­cken, dass alle Verhaltensmuster nur die Bil­der­welt auf dem Bildschirm des Bewusstseins sind. Der Bild­schirm ist die Grundlage für die Ab­folge der Bilder, und das Bewusstsein ist die Grundlage des Verhaltens. Es gibt die unterschiedlichsten Verhaltensweisen. Auch die Bilder­welten sind sehr unterschiedlich, aber es gibt nur einen Bild­schirm, nur ein Bewusstsein. Wenn wir den Bild­schirm beobachten, bleiben wir von den aufeinander folgenden Bildern unberührt. Genauso ist es, wenn wir das Bewusst­sein beobachten. Dann bleiben wir von den Ver­hal­tensweisen unberührt. Doch das muss jah­re­lang geübt werden. Manchmal kann sich diese Übung über ein paar Leben hinziehen. Trotzdem ist dies der einzige Schlüssel, dem wir folgen sollten. Es mag sein, dass es uns tausendmal misslingt, aber wenn wir dieser Übung dennoch weiterhin folgen, bedeutet dies, dass wir wie auf einer Autobahn vorwärtskommen. Daran sollten wir uns erinnern.

 

Lächeln des Herzens

Der beste Schatz, den man besitzen kann, ist ein Lächeln auf dem Gesicht. Ein lächelndes Gesicht ist schön anzuschauen. Aber woher kommt es? Wir sind angespannt, wenn wir ein lächelndes Gesicht aufsetzen. Das baut innere Spannung auf. Doch bei Personen, die das Be­wusstsein in anderen beobachten, entsteht das Lächeln auf natürliche Weise. Ein bewusster Mensch hat ein natürliches Lächeln auf dem Ge­sicht. Dies ist der Normalfall. Während der Arbeit mag er einen anderen Gesichtsausdruck haben. Das Lä­cheln entsteht, wenn wir Freude im Herzen tragen. Freude ist die Entfaltung des inneren Be­wusst­seins. Aus diesem Grund haben alle, die sich als Be­wusstsein entfaltet haben, ein natürliches Lä­cheln auf ihrem Gesicht. 

 

Erfüllung

Genauso bleibt jemand, in dem sich das Be­wusst­sein durch die Persönlichkeit entfaltet, jederzeit zufrieden. Ihm fehlt nichts. Er ist vom Be­wusst­sein erfüllt und dadurch auf natürliche Weise erfüllt. Ein erfüllter Mensch benötigt nichts von der Welt. Viele Geschenke kommen auf den ernsthaften Schüler zu, der willens ist, um jeden Preis das Bewusstsein in allen Lebenslagen zu beobachten. Es ist vergebliche Mühe, wenn wir versuchen, durch Geld, Macht oder weltliche Positionen zur Erfüllung zu gelangen. Wer sich der Welt zuwendet, um Erfüllung zu finden, für den bleibt dies ein nie endendes Streben. Es ist so, als würde er einer Fata Morgana hinterherlaufen. 

Wende dich nach innen, finde das Be­wusst­sein, das du bist! Wende dich dem Äußeren zu und beobachte das Bewusstsein in allem, was dich umgibt. Dies ist der Weg, um das Ziel und den Zweck des Lebens zu erfüllen. Es ist das Ri­tual und der alltägliche Ablauf.

 

Zeuge sein

Verstehe den Schlüssel des Beobachtens. Wenn wir wie Zeugen beobachten, ist es uns möglich, Abstand zu dem Beobachteten zu haben. Wir können nichts beobachten, was ein Teil von uns selbst ist. Wenn etwas zu dicht vor unserer Nase steht, können wir es nicht gut sehen. Steht es jedoch in einer Entfernung von 10 oder 15cm, können wir es besser erkennen, als wenn wir es direkt vor der Nase hätten. Beobachtung erfor­dert, dass wir zu dem, was wir beobachten, einen gewissen Abstand haben. Sind wir jedoch zu weit entfernt, können wir es nicht mehr beobachten. Im Yoga wird dieses Prinzip aufrechterhalten, damit wir das erreichen können, was durch den Yoga erreicht werden soll. Eine andere Bezeichnung für ‚Zeuge sein‘ ist ‚Beobachten‘. „Sei ein Beobachter, sei ein betrachtender Zeuge“, sagen die Heiligen des Yoga. 

Wir sollten lernen, in jeder Situation mehr Beobachter zu sein als uns an ihr zu beteiligen. Als Teilnehmer sind wir in die Situationen verwickelt, als Beobachter sind wir nicht verwickelt, sondern bleiben Zuschauer oder Publikum. So­lange das Theaterstück gespielt wird, schaut das Publikum zu. Wenn ein Film läuft, sehen die Zuschauer den Film. In unserem Kontext ist das Theaterstück oder der Film das eigene Leben. Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, unser eigenes Leben zu beobachten oder wie Zeugen das eigene Leben zu betrachten. Ohne Zweifel ist jeder Mensch ein Akteur seines Lebens. Aber durch Übung können wir den Beobachter in uns entwickeln. Das bedeutet, ein Teil von uns bleibt Beobachter, während der andere Teil agiert. Für Aspiranten, die den Weg der Jüngerschaft gehen möchten, ist dies ein sehr wichtiger Schritt. 

 

Sei Akteur und Beobachter

Beobachte, während du arbeitest, während du schaust, während du zuhörst, während du isst, während du sprichst. Auf diese Weise können wir das tägliche Leben als Experiment verstehen, bei dem wir Akteure und zugleich Beob­ach­ter sind. Dies ist eine große Möglich­keit im Yoga. Lord Krishna spricht davon im 5. Kapitel der Bhagavad Gîtâ. Wenn wir langsam diese Fähigkeit erlernen, erkennen wir, dass wir zwei Anteile in uns haben: Ein Anteil ist das Sein, der andere ist das Tun. Es ist das Sein, das aktiv wird. Wenn es aktiv ist, wird das Sein zum Handelnden. Wir müssen nicht notwendigerweise ganz und gar zum Handelnden werden. Ein Teil von uns kann als Sein verbleiben, und ein Teil kann aktiv werden. Normalerweise ver­stri­cken sich die Leute in der Aktivität und werden in dieser Einbindung leidenschaftlich. Infol­ge­des­sen vergessen sie ihren ursprüngli­chen Sta­tus. Der ursprüngliche Status jedes Men­­schen ist das Sein. Entsprechend den Er­for­der­nis­sen des Le­bens wird das Sein dynamisch und beginnt zu agie­ren. Stellen wir uns einen Wach­hund vor. Stets verfolgt er alles auf­merk­sam, aber er ist nicht aktiv. Er liegt in Ruhe­stel­lung und beobachtet. Sobald sich etwas tut, auf das er zu reagieren hat, wird er aktiv. Anschließend begibt er sich wieder in die glei­che Ruhestellung wie zuvor. Die Menschen gehen nicht in ihren Ruhezustand des Seins zurück, bis sie von der Natur zum Einschlafen gebracht werden. Deshalb besteht der erste Schritt darin zuzuschauen, zu beobachten und den eigenen Handlungen wie ein Zeuge zuzusehen. Solange wir dies nicht tun, werden wir zu den Situationen, in denen wir uns jeweils befinden. Dann sind wir nicht mehr Herr der Si­tu­atio­nen, sondern ihr Sklave, und wir werden ruhelos. 

Daher werden die Menschen mit einem Cha­mä­leon verglichen, das seine Farben entsprechend der Farbe der Blätter oder des Baums ver­än­­dert und dabei seine ursprüngliche Farbe vergisst. Auch die Menschen vergessen ihren ursprünglichen Seinszustand, wenn sie sich fortwährend mit ihren Handlungen identifizieren. Als ersten Schritt müssen sie zwischen den einzelnen Handlungen ins Sein zurückgehen, und als zweiten Schritt können sie aktiv werden und gleichzeitig beobachten. 

Wer sich den ganzen Tag bemüht, dies zu üben, wird bald für fortgeschrittene Stufen der Beob­achtung geeignet sein. Im fortgeschrittenen Zustand wird uns empfohlen, unser Durstgefühl zu beobachten, wenn wir durstig sind oder unser Hungergefühl zu beobachten, wenn wir hun­grig sind. Wenn wir Durst haben und unseren Durst wie ein Beobachter betrachten, ent­fer­nen wir uns vom Durstgefühl, und sobald wir uns vom Durstgefühl entfernt haben, ist der Durst verschwunden! Wenn wir Hunger haben und unseren Hunger beobachten, entfernen wir uns vom Hungergefühl. Dann ist der Hunger verschwunden. Durch Beobachten können Durst und Hunger zeitweise überwunden werden, bis wir Trinkwasser und essbare Nahrung bekom­men. Wir brauchen nicht besorgt zu sein, wenn wir durstig und hungrig sind. Es ist unsere An­wesen­heit im Körper, die dem Körper das Hun­ger- und Durstgefühl gibt. Wenn wir uns durch Beobachten vom Körper entfernen, empfindet der Körper weder Hunger noch Durst. Nur aufgrund der eigenen Anwesenheit geschehen im Körper die chemischen Reaktionen von Hunger, Durst und Verlangen. Halten wir einen gewissen Abstand zum Körper, verlangt er nicht nach so vielen Dingen wie normalerweise.

 

Ablenkung gegenüber Beobachtung

Solches Beobachten kann dahin erweitert werden, dass wir den Schmerz in unserem Körper beobachten. Wenn wir unvoreingenommen den Schmerz beobachten, entfernen wir uns vom schmerzenden Körperbereich. Dadurch werden wir vom Schmerz nicht so stark angegriffen. Normalerweise weist man Patienten auf in­te­res­san­tere Dinge hin, um sie vom Schmerz abzulenken. Zeigt man einer schmerzgeplagten Person einen Film, der voller Witz und Ko­mik ist, dann wird ihre Aufmerksamkeit vom Schmerz zum Film abgelenkt. Solange der Film läuft, beschäftigt sie sich nicht mit den Schmer­zen, sondern mit dem Film. Doch sobald der Film zu Ende ist, kehren die Schmerzen zurück. Was geschah mit der betreffenden Person während ihrer Beschäftigung mit dem Film? Ihre Aufmerksamkeit wurde von der schmerzenden Körperstelle zum Film abgelenkt. Auf diese Weise bekam ihr Bewusstsein einen gewissen Ab­stand zum Schmerz.

Ablenkung ist eine Technik, die für kurze Zeit wirkt. Beobachtung ist eine Technik, die je­der­zeit zuverlässig funktioniert. Wenn wir un­ser Denken durch einen Film ablenken, be­nut­zen wir eine äußere Unterstützung als Hilfs­- und Heilmit­tel. Beobachtung ist ein Mittel, das aus uns selbst kommt. Wenn wir die Fähigkeit der Be­obach­tung entwickeln, können wir sie auf vielerlei Weise nutzen. Wir können Hunger und Durst widerstehen, wir können Schmerz aushalten, und wir können uns auch vom Körper abheben. Durch fortwährende Beobachtung unseres Körpers (was eine eigene Kontemplation ist) können wir uns aus unserem Körper herausheben und ihm zuschauen. Die Leute sind verrückt nach Ein­wei­hun­gen, um außerkörperliche Erfahrungen zu machen. Aber die Yoga-Wissenschaft gibt diese einfache und direkte Technik, durch die wir aus dem Körper herauskommen und ihn beobachten können. Genauso können wir damit beginnen, unsere Persönlichkeit zu beobachten. Wenn wir in unserer Beobachtung immer unvoreingenommener werden, können wir unsere Persönlichkeit mit ihren Stärken und Schwächen deutlich erkennen. Auch die Persönlichkeit ist ein Gefährt der Seele. Wenn die Seele durch Beobachtung aus der Persönlichkeit herauskommt, kann sie das glückselige Dasein als Seele ohne die Persön­lich­keit erleben.

 

Erlebe die Seele, das Selbst, das Ich Bin

Auf diese Weise können wir das Gewand der Persönlichkeit und des Körpers für eine Weile ‚auf einen Kleiderbügel hängen‘ und eine Seele sein! Dies ist die einfachste Möglichkeit. Sie ist weit besser als wenn wir unermüdlich versuchen würden, den Körper und die Persönlichkeit zu reparieren, damit wir die Seele erleben können. Die Methode des Reparierens ist ein mühsamer und arbeitsaufwändiger Weg. Stattdessen können wir uns aus dem Körper und der Persönlichkeit herausheben und die Seele erleben. Haben wir erst einmal erkannt, dass wir eine Seele sind, bleiben wir unversehrt, auch wenn wir in einer unvollkommenen Persönlichkeit oder in einem unvollkommenen Körper stecken. Als Seele können wir unsere Persönlichkeit und unseren Körper sogar schneller reparieren, aber als Persönlichkeit können wir die eigene Persön­lich­keit nicht reparieren. Eine unvollkommene Persönlichkeit ist wie eine gebrochene Hand. Wie kann man sich selbst instand setzen, wenn die Hände gebrochen sind? Wenn eine unvollkommene Persönlichkeit versucht, sich zu vervollkommnen, wird ihr dies nicht gelingen, weil sie unvollkommen ist. Deshalb ist es der leichtere Weg, sich zu beobachten, sich selbst zuzusehen und zuzuschauen.

Wenn wir im Inneren und in unserem Körper beobachten, entdecken wir viele Dinge. Wir sehen, wie das Bewusstsein arbeitet, das aus uns selbst fließt. Wir können das Leben sehen und beobachten, wie es durch das Selbst fließt. Wir können die Tätigkeit des Sonnensystems in uns selbst sehen, ebenso die innere Astronomie und Astrologie. Das Beobachten ist eine große Wis­sen­schaft für sich, durch die viele Menschen es schaffen, als Seele zu leben. Als Seele zu le­ben bedeutet, zum ursprünglichen Status des Seins zurückzukehren. Dieses Sein ist glückse­lig. Damit ist der Zweck des Lebens erfüllt. Auf diese Weise werden der Rhythmus und das Ri­tual des Lebens erfüllt.

… wird fortgesetzt

 

Entnommen aus dem Buch

Die Lehren von Sanat Kumara
Dhanishta Verlag: dhanishta.org