§ 260 – Sechste Ausgabe

Für chronisch Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert worden war 1.

1 Kaffee,  feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben~ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnötig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.

Bei der Behandlung chronischer Krankheiten ist es neben der Gabe der richtigen Medizin genauso wichtig, den Regeln der Diät zu folgen und aufmerksam solche Hindernisse für die Heilung zu vermeiden. Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Unregelmäßigkeiten in der Ernährung und Routine und eine unanständige Lebensweise die Leiden bei chronischen Krankheiten vertiefen.

 

§ 261 – Sechste Ausgabe

Die, beim Arzneigebrauche in chronischen Krankheiten zweckmäßigste Lebensordnung, beruht auf Entfernung solcher Genesungs-Hindernisse und dem Zusatze des hie und da nöthigen Gegentheils: unschuldige Aufheiterung des Geistes und Gemüths, active Bewegung in freier Luft, fast bei jeder Art von Witterung, (tägliches Spazierengehen, kleine Arbeiten mit den Armen), angemessene, nahrhafte, unarzneiliche Speisen und Getränke u.s.w.

Während der Behandlung von chronischen Krankheiten sollten solche Hindernisse beseitigt werden. Darüber hinaus sollte die Behandlung der Notwendigkeit jedes Ereignisses angepasst werden. Eine moralische und wissenschaftliche Haltung ist auch wünschenswert. Die Erholung des Denkvermögens sowie Übungen an der frischen Luft unter allen Wetterbedingungen sind unerlässlich, um eine gesunde Aktivität von Körper und Geist aufrechtzuerhalten. Der Patient sollte nahrhafte Speisen und Getränke zu sich nehmen, die in der Lage sind, die Gesundheit wiederherzustellen. Speisen und Getränke mit medizinischer Wirkung sollten vom Speisenplan heruntergenommen werden.

Erklärung

In Abhängigkeit von der Natur der chronischen Krankheit sollten Cerealien, Gemüse, Fruchtsaft, Milch, Buttermilch, ungekochte Speisen (rohes Gemüse usw.), Honig usw. zu sich genommen werden. Starke Lebensmittel, die nicht leicht zu verdauen sind, sollten verboten werden. Obwohl sie Nahrungsmittelqualität besitzen, sollten Zwiebeln, Knoblauch, Kardamom, Gewürze, Asafoetida usw. aufgrund ihrer medizinischen Kräfte verboten werden.

 

§ 262 – Sechste Ausgabe

In hitzigen Krankheiten hingegen außer bei Geistesverwirrung -entscheidet der feine, untrügliche, innere Sinn des hier sehr regen, instinktartigen Lebens-Erhaltungs-Triebes, so deutlich und bestimmt, dass der Arzt die Angehörigen und die Krankenwärter bloß zu bedeuten braucht, dieser Stimme der Natur kein Hinderniss in den Weg zu legen, sei es durch Versagung dessen, was der Kranke sehr dringend an Genüssen fordert, oder durch schädliche Anerbietungen und Ueberredungen.

Bei akuten Krankheiten, bei denen es sich nicht um geistige Verwirrung (eine Geisteskrankheit) handelt, spielt die Regulierung der Ernährung nicht die gleiche Rolle. Sie kann geringer ausfallen als bei chronischen Krankheiten, weil bei akuten Krankheiten die Macht der Selbsterhaltung und Warntöne stärker ausgeprägt sind als bei jenen, die an chronischen Krankheiten leiden. Es reicht, wenn den Begleitern einige Anweisungen gegeben werden. Sie sollen angewiesen werden, keine Nahrungsmittel zu geben, auch wenn sie darum gebeten werden und sollen den Patienten davon abhalten, dass er irgendetwas tut, das ihn ermüdet und seinen Schlaf stört.

Foto von Nathan Dumlao auf Unsplash