Die Kunst des Heilens

§ 255

Dennoch wird man auch bei diesen zur Ueberzeugung hierüber gelangen, wenn man jedes, im Krankheitsbilde aufgezeichnete Symptom einzeln mit ihnen durchgeht und sie außer diesen, über keine neuen, vorher ungewöhnlichen Beschwerden klagen können, auch keines der alten Zufälle sich verschlimmert hat. Dann muß, bei schon beobachteter Besserung des Gemüthes und Geistes, die Arznei auch durchaus wesentliche Minderung der Krankheit hervorgebracht haben, oder, wenn jetzt noch die Zeit dazu zu kurz gewesen wäre, bald hervorbringen. Zögert nun, im Fall der Angemessenheit des Heilmittels, die sichtbare Besserung doch zu lange, so liegt es entweder am unrechten Verhalten des Kranken, oder an andern, die Besserung hindernden Umständen.

Sogar bei Menschen dieses Typs kann die Wahrheit herausgefunden und erfolgreich bewältigt werden. Es gibt nur einen Weg. Wenn der Patient über die Erleichterung bezüglich eines jeden Symptoms, das auf dem Fallblatt ist, separat befragt wird, kann die Wahrheit hervorgelockt werden. Wenn es keine neuen Symptome gibt, keine Verschlimmerung alter Symptome und einige Symptome verschwinden, kann das so verstanden werden, dass sich die Krankheit zurückzieht. Hinzuzufügen ist: Wenn es eine Verbesserung des mentalen Zustands, im Gemüt und des Gesichtsausdrucks usw. gibt, ist klar, dass die Krankheit zurückgeht und eine Veränderung der medikamentösen Dosierung oder Potenz nicht notwendig ist. Damit wird auch angezeigt, dass die Krankheit im Laufe der Zeit geheilt wird. Wenn eine Verzögerung des weiteren Fortschritts auftritt, bedeutet das, dass es Defizite bei den den Patienten umgebenden Faktoren oder in seinen Gewohnheiten und seinem Verhalten gibt.

Erklärung

Bei chronischen Krankheiten kann eine Dosis hoher Potenz gute Verbesserungen für einige Zeit bewirken, die anschließend jedoch zum Stillstand kommen. Weitere Verbesserungen werden verzögert. Man sollte dem Patienten mit Misstrauen begegnen. Ein solcher Stillstand erscheint bei vielen Patienten wenige Tage nach Festivitäten. Das heißt, dass der Patient während der Festtage gesündigt hat, indem er unterschiedslos alles gegessen oder zwei oder drei Filme pro Tag gesehen oder Tag und Nacht Karten gespielt oder sich die Nächte in Clubs um die Ohren gehauen hat usw.

 

§ 256

Auf der andern Seite, wenn der Kranke diese oder jene neu entstandenen Zufälle und Symptome von Erheblichkeit erzählt – Merkmale der nicht homöopathisch passend gewählten Arznei – so mag er noch so gutmüthig versichern: er befinde sich in der Besserung1), man hat ihm in dieser Versicherung dennoch nicht zu glauben, sondern seinen Zustand als verschlimmert anzusehen, wie es denn ebenfalls der Augenschein bald offenbar lehren wird.

1) Dies ist nicht selten der Fall bei Schwindsüchtigen mit Lungen-Eiterung.

Wenn während der Behandlung neue Symptome aufkamen oder es einige ungewöhnliche Vorfälle gab, könnte der Patient mit sanfter Stimme erklären, dass sein Zustand sich etwas gebessert hätte und auch seine Leiden etwas Linderung erfahren hätten. Der Arzt sollte solchen Aussagen keinen Glauben schenken, erst recht nicht im Falle von Patienten, die an Lungen-TBC, Tumoren usw. leiden. Der Patient mag eine kurze Zeit der Besserung empfinden, aber anschließend entwickelt sich eine ernste Situation.

Erklärung

Angenommen, ein Patient unternahm eine lang andauernde Behandlung einer Lungen-TBC. Nachdem er seine Gesundheit wiedererlangt hat, beginnt er, homöopathische Medikamente gegen Lungengeschwüre, Fieber, Atemnot, Husten, ein Brennen in der Brust und Blutspucken beim Husten zu nehmen. Basierend auf seiner Kondition und der Ähnlichkeit könnte für ihn ein Medikament wie Arsenicum Album, Phosphor usw. in einer passenden Potenz Linderung bedeuten. Alle Leiden verringern sich allmählich und verschwinden. In der Zwischenzeit kommen und gehen unerwartet starke Schmerzen in der Brust. Während der Arzt den Zustand des Patienten untersucht, sagt ihm der Patient: „Ich weiß nicht, weshalb dieser Schmerz gekommen ist? Ansonsten ist mein Gesundheitszustand gut und meiner Meinung nach, so hoffe ich, heilt die Krankheit.“ Der Arzt sollte solchen Aussagen nicht glauben. Solange nicht sofort ein neues Medikament auf der Basis der Gesamtheit aller Symptome für die erforderliche Wiedergutmachung gegeben wird, kann der Zustand des Patienten innerhalb weniger Stunden oder Tage gefährlich werden.