Die antike Vier – Elementen – Lehre und ihre Bedeutung in der Kräuterheilkunde

„Wer sie nicht kennte, / Die Elemente, / Ihre Kraft / Und Eigenschaft, / Wäre kein Meister / Über die Geister“, Johann Wolfgang v. Goethe.

Über zwei Jahrtausende war die antike Lehre von den vier Elementen das beherrschende Denksystem des Abendlands. Aber anders als in der chinesischen oder ayurvedischen Medizin, die auf ähnlichen Vorstellungen beruhen, schenkt man in der abendländischen Heilkunde der Elementenlehre kaum noch Beachtung, dabei ist sie die Grundlage wichtiger Heilverfahren wie der Kräuterheilkunde, Spagirik, Astro- oder Humoralmedizin. Auch alte Kräuterbücher, die Texte von Hildegard und Paracelsus oder die therapeutischen Ansätze der anthroposophischen Medizin, werden durch die Elementenlehre erst wirklich verständlich.

Bild 1: Jesus inmitten der vier Elemente. Seine Haltung zeigt die magische Geste „Wie oben, so unten“. Er steht auf der Erde, in der sich die Elemente physisch manifestieren. Miniatur aus Bartholomaeus Anglicus: De proprietatibus rerum, 15Jh.

 

Vor allem kennt dieses alte Weltbild einen qualitativen Zugang zur Natur, der in der stofforientierten Heilkunde unserer Zeit fast vollständig verloren gegangen ist. Den Unterschied zum heute vorherrschenden materialistischen Weltbild formulierte der Anthroposoph E.M. Kranich mit den Worten: „Die Elemente sind ein Prozess lebendigen Zusammenwirkens von Qualitäten, die nur geistig zu fassen sind. Wenn man sich mit den Elementen beschäftigt, befindet man sich in einem lebendigen Geschehen; bei den Stoffen steht man vor Objektenquot. Somit entfremdet die Betonung des Stofflichen im Denken den Menschen von der Natur und damit von sich selbst. Es ist also mit Sicherheit ein Fehler, die eigene Tradition zu belächeln oder gar zu leugnen, denn als ganzheitliches Weltbild ist die abendländische Elementenlehre sehr wohl von Nutzen und dazu geeignet, die wahre Natur von Krankheitsprozess und Heilmittel zu erkennen.

 

Von der Philosophie zur Humoralmedizin

„Denn die vier Wurzelkräfte aller Dinge höre zuerst: Zeus, der schimmernde und Here, die lebensspendende sowie Aidoneus und Nestis, die durch ihre Tränen fließen lässt irdischen Springquell“, Empedokles von Agrigent[1]

Die Vorstellungen über das Wirken der Urkräfte gehen auf den antiken Philosophen Empedokles von Agrigent (5 Jh. v. Chr.) zurück. Er nannte sie Feuer, Wasser, Luft und Erde, erst Platon sprach von Elementen.

Aristoteles fügte diesem System noch ein fünftes Element hinzu, auch Quintessenz oder Äther genannt. Es ist die Vereinigung der vier Urkräfte sowie deren Ursprung und Vollendung. Als geistiges Prinzip finden wir sie aber in allen Erscheinungen wieder. Sie ist die Vereinigung der Gegensätze: Feuer und Wasser, Sonne und Mond, männlich und weiblich, Wissen und Liebe. Die Quintessenz2 aus der Natur freizusetzen und als Heilmittel zu nutzen, ist die geheime Kunst der Alchimie.

Aristoteles führte auch die qualitative Unterscheidung der Elemente ein (Wärme, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit). „Jedes Element hat zwei spezifische Eigenschaften, wovon es die erste für sich ausschließlich besitzt, durch die zweite aber wie durch ein Medium mit dem folgenden Element zusammenhängt. Das Feuer ist warm und trocken, die Erde trocken und kalt, das Wasser kalt und feucht, die Luft feucht und warm“ (Agrippa v. Nettesheim).

Die jeweils erstgenannte Eigenschaft bildet die primäre Qualität eines Elements; Feuer wäre demnach mehr warm als trocken, Erde mehr trocken als kalt, Wasser mehr kalt als feucht und Luft mehr feucht als warm.

Polybos, Schwiegersohn des Hippokrates, entwickelte aus der Elementenlehre die Vier-Säfte-Lehre (humores = Säfte) und ein darauf aufbauendes Therapiesystem, die Humoralmedizin. Gesundheit entspricht nach diesem System einer harmonischen Verteilung der vier Säfte (Eukrasie), beziehungsweise der Elemente: Blut (Luft), Schleim (Wasser), schwarze Galle (Erde) und gelbe Galle (Feuer). Krankheit ist dagegen eine falsche Säftemischung (Dyskrasie), beziehungsweise das Überwiegen eines Safts oder eines Elements. Nach antiken Vorstellungen erfolgt die Therapie durch Entleeren des überschüssigen Saftes (Ausleitung der „materia pecans“ = schuldige Materie).

Bild 2: Die vier Temperamente. Medizinhistorisches Museum Zürich.

 

Der griechische Arzt Galenos (129 bis 199 n. Chr.) wandte die Säftelehre auch auf seelische Vorgänge an. Die falsche Säftemischung führt zur Entstehung der vier Temperamente: Melancholiker (Erde; melanos = schwarz, chole = Galle), Sanguiniker (Luft; sanguis = Blut), Phlegmatiker (Wasser; phlegma = Dampf), Choleriker (Feuer; chole = Galle). Nach dem Untergang Roms entwickelten arabische Ärzte wie Avicenna die Elementenlehre weiter. Durch die Kreuzzüge kam das Wissen wieder zurück nach Europa und beeinflusste die Medizin des Mittelalters erheblich. Im Spätmittelalter und in der Renaissance erlebte die Elementenlehre ihre letzte Hochblüte. In der Neuzeit begann schließlich ihr Niedergang, der bis heute andauert.

 

Die Elemente und ihre Eigenschaften

„Dies ist die Wurzel und Grundlage aller Körper, Naturen, Kräfte und wunderbaren Werke; wer diese Eigenschaften der Elemente und ihre Mischungen kennt, der wird ohne Schwierigkeit wunderbare und erstaunliche Dinge vollbringen und ein vollendeter Meister der natürlichen Magie sein“, Agrippa v. Nettesheim.

Der Charakter der Elemente zeigt sich schon in ihrer Symbolik: Ein Dreieck nach oben haben Feuer und Luft, dies zeigt ihre aktive männliche Kraft. Wasser und Erde haben dagegen ein Dreieck nach unten; es verweist auf ihre passive weibliche Kraft. Die Elemente sind damit polar geordnet, ähnlich dem Yang-Yin-System der chinesischen Medizin. Feuer (Yang) und Wasser (Yin) bilden die Grundpolarität der Elemente. In der Alchimie haben sie symbolisch das gleiche Gewicht. Das Element Luft verbindet diese zwei Grundkräfte miteinander. Das Ergebnis des Zusammenwirkens dieser drei Kräfte sind die Manifestationen im Element Erde.

Bildhaft beschrieb Hermes Trismegistos3 das schöpferische Zusammenwirken der Elemente: „Sein Vater ist die Sonne (Feuer), seine Mutter der Mond (Wasser),der Wind (Luft) hat es in seinem Bauch getragen, seine Amme ist die Erde“.

 

Zuordnungen zu den Elementen

Neben Körpersaft und Temperament ordnet man den Elementen und ihren Qualitäten unter anderem auch Organe, Krankheitsprozesse und Heilmittel, insbesondere Pflanzen, zu.

Dabei unterscheidet man beispielsweise ein trockenes Fieber (Feuer) von einem Fieber mit Schweiß (Luft). Akute Krankheiten sind feurig/luftig, chronische dagegen erdhaft/wässrig. Von den Organen sind zum Beispiel Herz und Galle feurig, Leber und Lymphe wässrig, Niere und Hormonsystem luftig, Lunge und Bewegungsapparat erdhaft.

Kräuter mit Herzwirkung stärken Selbstwahrnehmung und Ich-Bewusstsein (Feuer), Leberheilpflanzen regenerieren den Organismus(Wasser), Nierenmittel wirken auf unsere Gefühlssphäre (Luft) und Lungenmittel stärken die physische Konstitution (Erde). Die Pflanzenteile ordnete Agrippa von Nettesheim wie folgt zu: „Bei den Pflanzen gehören der Erde an die Wurzeln wegen ihrer Dichtheit, dem Wasser die Blätter wegen ihres Saftes, der Luft die Blüten wegen ihrer Feinheit, dem Feuer der Same wegen seines erzeugenden Geistes.“

 

“Feuer“

Das Feuer ist als erstes durch den Weltgeist aus der Finsternis entstanden und durchflutet alles mit Licht und Wärme. Es ist die Ordnung, nach dem Urchaos der Schöpfung. Feuer ist das aktive schöpferische Prinzip, die Intuition, Bewegung, Potenz, Kraft und der Wille zur Existenz. Für den Menschen ist es das Bewusstsein seiner selbst (mentaler Körper), sein Feuer der Liebe, seine Begeisterung, Lust und Erkenntnis.

Bild 4: Mit Blitz und Donner offenbaren sich die Gottheiten des Elements Feuer. William Blake, 1794.

 

Charakter: Warm – trocken; strahlend; brennend, aktiv.

Alchimie: Sulfur; alle Prozesse, bei denen man Wärme verwendet.

Bewußtseinsform: Intuition.

Temperament: Cholerisch.

Organe: Herz, Arterien, Galle, Muskulatur, Abwehrprozesse.

Säfte: Gelbe Galle.

Geschmack: Scharf, brennend, bitter, warm, zusammenziehend.

Geruch: Beißend, krautig, würzig, warm, balsamisch, intensiv.

 

Pflanzensignatur: Reifung, Umwandlung der Blütenkraft in Samen. Verhärtungsprinzip; Ausbildung harter Hölzer (Zimtrinde, Eiche, Berberitze). Umwandlung des Blattprinzips in Nadeln oder Dornen(Berberitze, Schlehe, Disteln, Nadelgehölze). Ausbildung von Bitterstoffen, Scharfstoffen (teils auch Luft), fetten und ätherischen Ölen (Olive, Sonnenblume, Rosmarin, Wermut). Farbausbildung: Gelb, Orange, Rot, Purpur.

Wirkung: Erhitzend und austrocknend, stimulierend, tonisierend, abwehrsteigernd, keimtötend, häufig emmenagog und den Kreislauf anregend; bei chronischen Leiden.

Konstitution: Luesinisch; oxygenoid, hyperton-plethorisch, athletisch.

Übermaß von Feuer = Mangel an Wasser: Überwiegen der gelben Galle = cholerisches und extrovertiertes Temperament, häufig mit Tendenz zur Gewalt, auch gegenüber sich selbst; Ungeduld, Jähzorn, Rücksichtslosigkeit. Akute und heiße Erkrankungen mit gleichzeitiger Trockenheit. Herz-Kreislauferkrankungen wie Hypertonie, Apoplexie, Sklerose (auch Erde), entzündliche Herzleiden. Allgemein Entzündungen mit Hitze und Rötung und wenig Sekretbildung, z.B. trockene Bronchitis. Gallenblasenentzündung (mit Steinbildung auch Erde), Hepatitis, Gastritis (Ulcus zeigt Übergang zu Erde). Septische Fieber; Leukozytose.

 

Wasser

Über das Wesen des Elements Wasser schrieb ein chinesischer Gelehrter im 11. Jahrhundert: „Von allen Elementen sollte der Weise sich das Wasser zum Lehrer wählen. (…) Wasser erobert durch nachgeben; es greift nie an, aber gewinnt immer die letzte Schlacht.“

Im Wasser liegt die Keimkraft aller Dinge. Es hat die Kraft der Ernährung und des Wachstums. Es ist weiblich, passiv und alles durchdringend.

Es ist das Leben, die Gefühle, die Liebe zur Natur, die Zärtlichkeit, das Mitgefühl. Wasser ist das Form- und Wachstumsprinzip des Lebens, der Bildekräfteleib (= Bild der Kraft) oder Ätherleib der Anthroposophen, mit dessen Hilfe die Regeneration und der Energieaufbau erfolgt.

 

Bild 5: Mondgöttinnen verkörpern die regenerative und weibliche Kraft des Elements Wasser. Georges Rouault, 1895.

 

 

Charakter: Feucht – Kalt, beweglich, formend, passiv.

Alchimie: Passiver Merkur, Putrefaktion, Kondensation.

Bewusstseinsform: Imagination, Medialität, Phantasie.

Temperament: Phlegma.

Organe: Leber, Keimdrüsen, Haut, Schleimhaut, Lymphe, Körperflüssigkeiten.

Säfte: Schleim.

Geschmack: Muffig, fad, schleimig, faulig.

Geruch: Durchdringend, aashaft, faulig, muffig, schweißig, pheromonähnlich.

 

 

Pflanzensignatur: Keimung; Säftefluss der Pflanze. Weiche und saftige Kräuter; mit fleischigen und wasserhaltigen Blättern (Agave, Aloe, Dachwurz – Überlebensprinzip im Element Feuer). An feuchten Stellen wachsend (Weide, Birke); Wasser- und Moorpflanzen (Seerose, Sonnentau). NachtaktivePflanzen (Königin der Nacht; Nachtkerze). Ausbildung von Schleimstoffen, Feuchtigkeitsspeicher.Farbausbildung häufig Weiß, Rosa, Hellgelb.

Wirkung: Kühlend und anfeuchtend, entzündungswidrig, regenerierend, sedierend, häufig antiallergisch; bei akuten Leiden.

Konstitution: Lymphatisch; hydrogenoid; allergische Diathese (Anergie).

Übermaß an Wasser = Mangel an Feuer: Überwiegen von Schleim = Phlegmatisches introvertiertes Temperament; Willensschwäche, Unentschlossenheit, unselbstständig, ängstlich. Ständige Müdigkeit, Schweißneigung (kalt), Kreislaufschwäche (ständiges Frösteln), Hypotonie, Bindegewebsschwäche. Lymphatismus mit Neigung zu Wassereinlagerungen. Alle Symptome verschlimmern sich bei feucht-kalter Wetterlage. Neigung zur Verschleimung (chronische Sinusitis, Bronchitis). Rezidivierende Erkrankungen, Infektneigung (oft auch Erde). Mykosen. Neigung zu Tumorbildung und Krebs. Status nach Schock. Fettsucht.

 

… wird fortgesetzt

mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Naturheilpraxis

Anmerkungen

1Aus dem Werk: „Über die Natur“; Zeus ist das ätherische Feuer, Here die Erde, Aidoneus die unsichtbare Luft und Nestis das Wasser.[zurück]
2Das Hexagramm, die Vereinigung von Feuer und Wasser, ist das Symbol der Quintessenz. [zurück]
3Ägyptischer Eingeweihter, der in der hermetischen Tradition mit Thot, dem Gott der Weisheit und Schöpfer der Alchimie, gleichgesetzt wird. [zurück]

 

Literaturauswahl

Arroyo Stephen: Astrologie, Psychologie und die vier Elemente; Hamburg 1989
Böhme, Gernot / Böhme, Hartmut: Feuer, Wasser, Erde, Luft; München 1996
Daems, Willem F.: Mensch und Pflanze; Schwäbisch Gmünd, 1988, Junius, Manfred M.: Praktisches Handbuch der Pflanzen-Alchimie; Interlaken 1982
Kranich, Ernst M.: Die Formensprache der Pflanze; Stuttgart 1976
Madejsky, Margret / Rippe, Olaf: Heilmittel der Sonne; München 1997
Müller, Ingo W.: Humoralmedizin; Heidelberg 1993
Nettesheim, Agrippa von: Die magischen Werke; Wiesbaden 1983
Paracelsus: Sämtliche Werke, Aschner Ausgabe; Anger 1993

 

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