Geduldiges Ertragen – das Gesetz

Im Zusammenhang mit Erkrankungen gibt es eine segensreiche Möglichkeit, alte Schulden zurückzuzahlen, die auch heute noch von weisen Menschen befolgt wird. Es gab einmal einen ayurvedischen Gelehrten, der vielen Menschen umfangreiche Heilung zukommen ließ und vielen Sterbenden wieder zur Gesundheit verhalf. Mehr als 40 Jahre übte er seine Heilkunst aus. Er selbst war ein vedischer Gelehrter, der sein Leben als wahrer Arier führte. In seinem siebten Lebensjahrzehnt bekam er eine Gesichtslähmung, so dass er nicht mehr richtig sprechen und sich verständigen konnte. Trotzdem zog er es vor, sich nicht selbst zu heilen. Er entschied sich, die Krankheit zu ertragen. Seinen begeisterten Anhängern erklärte er, dass er die Krankheit lieber erdulden wollte als sie zu heilen, weil er eine Schuld zurückzahlen wollte, die er in seiner Jugendzeit auf sich geladen hatte. Er erzählte, dass er in seinen rigorosen Jugendjahren mit seiner Sprache unverantwortlich umgegangen war und viele Menschen verletzt hatte. Deshalb müsse er nun seine Schuld begleichen, damit er seinen Körper in Frieden verlassen könne. 16 Jahre lebte er mit seiner Sprachbehinderung. An dem festgesetzten Tag konnte er seinen Körper bewusst verlassen, nachdem er gebadet und neue Kleidung angezogen hatte. Er setzte sich in einen Lehnstuhl und wies seine Anhänger an, die Veden zu singen. Während sie sangen, schloss er seine Augen und blieb ganz still. Sein Weggang war so friedlich, dass die singende Gruppe dies erst nach vierzig Minuten bemerkte.

In unserer modernen Welt nehmen die Menschen schon beim geringsten Unwohlsein Medikamente ein. Sie haben die Fähigkeit verloren, Krankheit zu ertragen. Ein Lehrsatz aus alter Zeit lautet: „Ertragen ist eine Möglichkeit der Heilung.“ Im Lauf der Zeit wurde dieser Satz entstellt und lautet nun: „Was nicht geheilt werden kann, muss ertragen werden.“ Geduldiges Ertragen gehört zu den edlen menschlichen Eigenschaften. Der Geduldige wird von innen her gestärkt. Wegen ihres tapferen Durchhaltewillens sollte man Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela nacheifern, ohne sie zu vergöttern. Auch in unserer Zeit haben wir Stephen Hawking als ein großes Vorbild für Durchhaltekraft.

Der Vorteil beim Durchhalten und Ertragen ist, dass der Körper den erforderlichen Mechanismus entwickelt, um der Krankheit entgegenzutreten, sich ihr zu widersetzen und sie manchmal sogar zu heilen.

Das Einnehmen von Medikamenten schon bei leichtem Unwohlsein gilt als Beispiel für Intoleranz, Ungeduld, Angst und Unruhe, die als psychische Symptome der Krankheit betrachtet werden. Wenn man sie erträgt, entwickelt man aus dem Inneren die notwendige Stärke. Dieses Potenzial des Körpers wird nicht wirklich erkannt. Es gibt zivilisierte Menschen, die um ihr Leben bangen, wenn sie ihre Mahlzeiten nicht bekommen, und es gibt auch Menschen, die nur einmal in der Woche oder einmal im Monat essen. Der Körper erhält seine Lebenskraft durch Luft, Wasser und Sonnenlicht. Er hat seinen Mechanismus, um sich selbst zu erhalten – ein großartiges Geschenk der Natur. Dieses Potenzial unseres Körpers wird durch die moderne Art des häufigen Essens und der Einnahme von Medikamenten systematisch vernichtet. Heutzutage werden ebenso viele Medikamente eingenommen wie es Krankheiten gibt. Um die Nebenwirkungen der Medikamente einzudämmen, nimmt man sie zusammen mit weiteren Medikamenten ein. Und als dritte Medikamentengruppe nimmt man Vitamine und Mineralstoffe zu sich. Die Anzahl der Medikamente übertrifft die Anzahl der Speisen auf unserem Esstisch. Das kann man nicht als weises Verhalten betrachten.

Die Kranken sollten angeleitet werden, so viel wie möglich zu ertragen und sogar, wenn nötig, zu fasten. Im Ayurveda gibt es das Sprichwort: „Fasten ist die beste Medizin (Lankhanam Parama Aushadham).“

Eine solche Einstellung des Ertragens ist wohltuend. Sie bewirkt im Patienten eine konstruktive innere Haltung und lässt ein Verantwortungsgefühl für richtiges Handeln entstehen. Dieses richtige Handeln wird zur vollständigen Bezahlung der Strafe für falsches Handeln führen und dafür sorgen, dass Gesundheit durch richtiges Handeln herbeigeführt wird. Das Beispiel des ayurvedischen Heilers enthüllt dieses alte Gesetz. Bis heute ist das Ertragen von Krankheit überall dort verbreitet, wo moderne medizinische Möglichkeiten fehlen. Daraus entstehen zwei Vorteile. Erstens entwickelt der Körper einen Selbsterhaltungsmechanismus, zweitens werden ihm nicht zu viele Medikamente verabreicht, so dass dem Körper seine normale Gesundheit erhalten bleibt. In all diesen Fällen erleben die Menschen ihren Tod als ein Weggehen und nicht als einen langandauernden Kampf.

Man sollte das Ertragen als ein Gesetz der Heilung betrachten.

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Cristina Gottardi